Frauen sind voller Komplexe, Scham und falschen Vorstellungen von Attraktivität, sagt Autorin, Coach und Stand-up-Comedian Nicole Jäger. Wir sprachen mit ihr über weibliche Körperlichkeit, Selbstakzeptanz und den richtigen Zeitpunkt, etwas an sich zu verändern!

hamburgwoman.de: Bei unserem letzten Gespräch sagten Sie, Sie mussten sich nach Ihrem Gewichtsverlust selbst zunächst ihr „komplettes Gefühl für Weiblichkeit, für Geschlecht“ wieder aneignen. Wie geht das, ohne Gefahr zu laufen, von allgegenwärtigen Ansprüchen an Weiblichkeit und Schönheitsideale mürbe gemacht zu werden?

Nicole Jäger: Das geht überhaupt nicht, das ist ja das Problem. Wir kommen alle nicht vorbei an den Vorgaben, Idealen und vollkommen verqueren Vorstellungen davon, wie eine Frau zu sein hat. Es hat einen Grund, warum 9 von 10 Frauen unglücklich sind mit ihrem Körper oder ständig irgendwas zu bemängeln und zu verbessern wissen.
Sich dem Thema zu stellen und dennoch glücklich damit zu werden, nicht perfekt zu sein, ist eine echte Herausforderung und der Weg dahin ist gespickt mit allerlei Katastrophen und humorvollen Momenten. Das ist es, worüber ich schreibe und lache. Ich glaube, wenn man weiß, dass es „das eine Ideal“ nicht gibt und wir uns alle sehr viel Mist erzählen, dann ist es viel einfacher, sich selbst zwischen all den Idealen und Vorstellungen zu finden.

Auf dem Cover Ihres neuen Buches und dem Bildmaterial zu Ihrem neuen Programm setzen Sie Ihre Körperlichkeit ganz bewusst ein – was ja zu Ihrer Message passt. Trotzdem hätte sich so manche Frau mit minimalem Übergewicht eine solche Aktion nicht getraut. Sind Sie nun besonders mutig oder sind die anderen Frauen zu verzagt?

Ist es nicht merkwürdig, dass wir immer davon sprechen, dass es darum geht, sich etwas „zu trauen“? Wir sollten es uns nicht „trauen“ müssen, unsere Körper zu zeigen. Egal, wie perfekt oder eben nicht perfekt diese sind. Einen Körper zu haben, am Leben zu sein, ist ein Privileg und ich finde, wir dürfen zeigen, was wir haben. Natürlich aber drücke ich damit etwas aus. Es geht mir darum, dass wir alle mutig sein dürfen. Nicht obwohl wir nun einmal unterschiedlich und nicht einem Ideal entsprechend sind, sondern gerade weil wir es sind.
Viel zu häufig verschwenden Frauen ihre Potenziale, ihre Kräfte und so erschreckend viel Lebenszeit damit, sich möglichst schlecht zu fühlen und auf einen Moment zu warten, der vielleicht niemals kommen wird. Der „Wenn ich erst einmal schön schlank bin…“-Moment oder der „Wenn ich mich nur genügend verändert habe“-Moment.
Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass wir dadurch Jahrzehnte verlieren und am Ende nur unglücklicher sind. Das darf so nicht sein und ich finde, dass Unvollkommenheit und Attraktivität nicht im Widerspruch zu einander stehen und vielleicht, wenn ich mich so zeige, trauen sich viele andere ja auch. Wünschen würde ich es mir.

Stichwort Bodyshaming: Als nicht der Norm entsprechende Person ist man im Leben (und mittlerweile auch sozialen Medien) etlichen (Mikro-)Aggressionen ausgesetzt. Was sind typische Bemerkungen, die Sie sich anhören müssen, und wie geht man mit so etwas um?

Die Liste der Anfeindungen und Aggressionen ist in der Tat merkwürdig lang und farbenfroh. Von „Fette Sau“ über Dinge, die wir hier lieber nicht veröffentlichen sollten, bis hin zu Drohungen ist so ziemlich alles dabei, was man sich vorstellen kann. Die meisten Beleidigungen sind körperlicher Art. Aber auch das Drüberherziehen, was ich mache oder darstelle, ist keine Seltenheit. Das Phänomen des Internets bringt die merkwürdigsten Entgleisungen hervor, vermutlich, weil es sich hinter einer Tastatur und einem Profilbild besser verstecken lässt und wir manchmal vergessen, dass Beleidigungen nichts mit Meinungsäußerungen zu tun haben, sondern einfach nur ein schlechtes Benehmen sind.
Der Umgang damit ist nicht immer leicht. Wenn ich einen schlechten Tag habe, dann trifft es mich immer wieder mal. Das würde uns vermutlich allen so gehen. Ich werfe mein komplettes Herzblut in das, was ich tue, und spreche sehr offen über Versagen, Ängste und Punkte, die weh tun, wenn das dann mit Aggression und Hass beworfen wird, ist das manchmal schwierig. Aber Komik ist nun einmal Tragik in Spiegelschrift.
Die allermeisten Menschen aber haben eine ganz andere, sehr positive und liebevolle Meinung und jedes Mal, wenn mir jemand sagt oder schreibt, er oder sie habe seit der Bücher oder einem Abend in einer meiner Shows wieder mehr Spaß am Leben, gehe wieder aus, traue sich Dinge die er oder sie sich zuvor nicht traute, oder hat wieder Spaß an Sex und Körper, weiß ich genau, wofür ich das mache. Und solange es einen gibt, der glaubt, es sei angemessen, jemand anderen mit Worten zu verletzen, nur weil ihm der Anblick nicht passt, solange stehe ich auf irgendeiner Bühne und bin ganz laut.

Redakteur Christian Luscher sprach mit Nicole Jäger über Körperlichkeit und Schönheitsideale.

Redakteur Christian Luscher sprach mit Nicole Jäger über Körperlichkeit und Schönheitsideale.

Nach Ihrer Erfahrung, wie haben sich die Ansprüche, die an Weiblichkeit gestellt werden, in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert? Gibt es eine Lockerung oder sind sie nur qualitativ anders?

Ich bin mir nicht immer so ganz sicher, ob wir wirklich lockerer geworden sind, was die Erwartungen angeht. Zwar haben Frauen heute mehr Freiheiten und so einige Revolutionen hinter sich, dennoch machen wir unser Seelenheil von der Zahl auf einer Waage oder einer Kleidergröße abhängig. Wir sind selbstbewusster geworden, aber auch voller Komplexe. Es wird Zeit für neue Revolutionen, wir sind mittendrin und solange wir noch immer darum kämpfen müssen, dass es doch bitte normal ist, dass wir nicht alle gleich aussehen, dass wir uns aussuchen können, wer und wie wir sein wollen und dass es nicht „das eine Ideal“ gibt, welchem wir alle hinterherrennen und doch niemals ankommen, solange ist da noch viel Arbeit. Denn mal ehrlich, wenn man als Frau morgens aufsteht, vor dem Spiegel steht und denkt „Ich bin der Geilste hier“, dann ist man unter Garantie ein Mann. Wir müssen uns ganz dringend lockerer machen und Stück für Stück freier werden von irgendwelchen zwanghaften Vorstellungen, wie eine Frau zu sein hat. Denn allerorts hört und liest man, eine Frau solle individuell, aber normal sein. Ja, was denn nun?

Sie selbst haben früher über 340 Kilo gewogen und haben dann doch abgenommen. Gibt es eine Grenze, wo Selbstakzeptanz endet und man wirklich an sich arbeiten muss? Wann erkennt man, dass es Zeit ist, etwas zu tun?

Ich glaube nicht, dass Selbstakzeptanz und Veränderung sich gegenseitig ausschließen. Im Gegenteil glaube ich sogar, dass Akzeptanz ein wichtiger Punkt auf dem Weg hin zu einem guten Körpergefühl und dann vielleicht auch geringerem Gewicht ist. Ich möchte durchaus noch so einiges an Gewicht verlieren und dennoch mag ich meinen Ist-Zustand. Mir ist durchaus klar, dass ich weit entfernt bin davon perfekt zu sein, aber es geht doch auch gar nicht darum, dies zu sein, es geht ums Glücklichsein. Immer. An sich arbeiten, glaube ich, muss niemand, aber jeder kann und Zeit dafür ist es, wenn derjenige Veränderung möchte. Allerdings auch nur dann, denn erst wenn ich ein Problem mit mir habe, dann muss ich über mich nachdenken. Ob andere mit mir, meinen Hüften oder meinen Haaren ein Problem haben, kann und sollte mir eigentlich vollkommen egal sein – ebenso wie es jedem anderen egal sein sollte, wie ich aussehe. Wissend natürlich, dass das nicht so ist. Kaum ein Reizthema ist derart emotional aufgeladen wie die Themen Körperlichkeit und Gewicht, gerade bei Frauen.
Unsere Körper gehören uns und wir treffen vielleicht nicht immer die besten Entscheidungen für uns, wir rauchen, trinken, essen und bewegen uns zu wenig, aber das ist unsere persönliche Angelegenheit. Denn auch, wenn wir immer auf jene so gern mit dem Finger zeigen, die anders oder nicht ideal genug sind in unseren Augen, verändert sich denn wirklich etwas, wenn die plötzlich schlanker oder schöner oder eben anders sind? Unser Seelenheil sollte nicht an einer Zahl oder der Meinung irgendeines Menschen auf der Straße hängen – obgleich es das viel zu oft eben doch tut.

„Nicht direkt perfekt“ erscheint am 15.12. im Rowohlt Verlag, 272 Seiten, 14.99 €.

„Nicht direkt perfekt“ erscheint am 15.12. im Rowohlt Verlag, 272 Seiten, 14.99 €.

Wir können und sollten niemandem vorschreiben, wie er oder sie auszusehen hat, was man zu wiegen hat oder wie man sich kleidet. Frauen sind umgeben von Tabus. Dinge, die man nicht sagen darf, nicht tun darf, die man nicht essen, nicht anziehen, nicht küssen darf und das schlimmste Tabu von allen sagt: „Solange du nicht schlank oder idealgewichtig bist, hast du dich gefälligst nicht wohlzufühlen.“ Das ist doch Unfug. Unglücklich zu sein macht niemanden gesund, niemanden schlank, niemanden zufrieden. Ein positives Gefühl für sich selbst und die Einsicht, dass es nicht schlimm ist, wenn man ab und an mal ein totaler Vollpfosten ist, ist, glaube ich, sehr wichtig. Wir müssen uns selbst vergeben, nicht perfekt zu sein, und dann können wir an uns arbeiten, wenn wir das denn wollen, und wenn nicht, dann ist das auch okay.
Ich glaube nämlich, die beste Version unserer selbst sind wir immer dann, wenn wir glücklich sind. Ob ich dabei 2 Kilo mehr oder weniger habe, interessiert das Glück nicht.
Drum ist es auch keine Pflicht, dass wir uns verändern, sondern ein Privileg, dies versuchen und tun zu dürfen und zu guter Letzt eine vollkommen persönliche und private Angelegenheit.

Text: Christian Luscher
Foto: Stephan Pick

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