Von 2000 bis 2004 spielte der Tscheche Milan Fukal beim HSV. Längst lebt er mit seiner Familie wieder in der Heimat. Trotzdem fährt die regelmäßig nach Poppenbüttel, wo sie damals lebte. Wir trafen den sympathischen Verteidiger und sprachen mit ihm über schöne Jahre in Hamburg und seine wechselvolle Zeit nach dem HSV. 

Auf seine Hamburger Jahre angesprochen erwähnt Milan Fukal zuerst einen Namen, der große Bedeutung für ihn hat: Jürgen Ahlert. „Er war damals Team-Manager beim HSV und hat sich liebevoll um mich und meine Frau gekümmert, uns alle Wünsche erfüllt. Außerdem hat Jürgen bei der Suche nach einer Unterkunft ein glückliches Händchen beweisen“, erklärt Milan Fukal lächelnd.

Denn er fand ein schönes Haus im beschaulichen und ruhigen Alstertal. Nicht nur von der grünen Umgebung her ein Volltreffer für den Fußballprofi: „Wir sind noch heute mit unseren Nachbarn Gerda und Manfred Lange, gleichzeitig unsere Vermieter, sehr eng befreundet. Es ist eine familiäre Beziehung entstanden, vor allem für unsere drei Kinder“, freut sich der 187 cm große Abwehrhüne.

Ein Grund dafür sind sicherlich ungeahnte Verbindungen: Manfred Lange hat 1936 in Reichenberg (heute Liberec) im Sudetenland das Licht der Welt erblickt. Sein Vater hatte dort eine Firma. Wie so viele andere Deutsche, musste die Familie nach dem 2. Weltkrieg zwangsumsiedeln.

Milan Fukal ist 1975 in Jablonec nad Nisou auf die Welt gekommen, das liegt nur wenige Kilometer von Liberec entfernt. „Ein riesengroßer Zufall. Wir waren schon mehrfach zusammen in Tschechien, haben auch Manfreds Geburtshaus besucht. Er war vorher nie dort – es war ein sehr emotionaler Moment“, erklärt Fukal. Deswegen und wegen seiner Einsätze für den HSV – „Bundesliga ist immer etwas Besonderes“ –, bezeichnet er die Hamburger Zeit rückblickend als die schönste seiner Karriere.

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Kommen so oft es geht ins Alstertal und gehen dann gerne ins AEZ, vor allem zum Eisessen – Milan (40), Veronika (38), Karolina (15), Rosalie (9) und Victoria Fukal (4).

 

 

 

 

 

 


HSVer wider Willen

Dabei verlief sein Einstieg beim HSV vor 15 Jahren alles andere als glatt. Das fing schon damit an, dass er gar nicht kommen wollte: „Meine Frau ist schwanger, ich will sie dem Stress eines Umzugs nicht aussetzen“, sagte Fukal damals der WELT. Der Tscheche, der mit Sparta Prag in der Champions League spielte, sagte folglich nein zu einem Wechsel. Aber sein Verein benötigte dringend Geld und der HSV legte angeblich 5,75 Millionen Mark auf den Tisch – für den bis dahin teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte. Also klappte der Deal gegen Fukals Willen.

In Hamburg angekommen und wegen seiner sportlichen Leistung nicht unumstritten, hatte Milan Pech – nach acht Bundesligapartien für den neuen Verein zog er sich in einem Länderspiel einen Bänderriss im Knöchel zu.

Nach langer Verletzungspause im Team zurück, versagte die komplette Mannschaft gegen Dortmund und er in der Abwehr erst recht. Nach einem 2:4 lautete der Tenor in einigen Medien, er sei „das teuerste Missverständnis des Vereins“. Aber Milan biss sich durch, schoss in 67 Partien 8 Tore und konnte deswegen „auf eine überwiegend erfolgreiche Zeit beim HSV zurückblicken“, wie der Hamburger Abendblatt-HSV-Experte Dieter Matz dem Tschechen 2004 in einem Beitrag anlässlich dessen Verabschiedung bescheinigte.

Nächster „Zwangswechsel“

Die kam diesmal zwar aus eigenen Stücken, aber sie ging nicht von ihm aus: Trainer Klaus Toppmöller – nach Frank Pagelsdorf und Kurt Jara bereits sein dritter in gut vier Jahren – wollte ihn nicht mehr.

„Obwohl ich regelmäßig gespielt habe. Deswegen bin ich zu Didi Beiersdorf, um ihm zu sagen, dass ich jedes Spiel auflaufen möchte und keine Lust habe, immer mit dem Trainer zu kämpfen.“ Leider gab es nicht den erhofften Rückhalt vom Sportdirektor und Fukal wechselte zu Gladbach.

„Es waren zwei Welten. Dort der HSV mit dem Anspruch immer oben zu spielen und dort die Borussen, mit denen es gegen den Abstieg ging.“ Heute ist es umgekehrt.

„Ich werde oft auf die Situation beim HSV angesprochen, in Österreich und Tschechien. Natürlich habe auch ich keine Antwort. Aber schon zu meiner Zeit fehlten die Konstanz und ein schlüssiges Konzept in der Führungsetage. Das Bitterste für mich war, dass Toppmöller kurz nach mir ging. Hätte ich das gewusst, wäre ich geblieben.“

So führte der Weg nach zwei Bundesligajahren in Gladbach über ebenfalls zwei Jahre in der höchsten tschechischen Liga bei seinem Start- und Geburtsstadt-Verein FK Jablonec letztendlich nach Österreich. Anfangs zum Kapfenberger SV in die erste Liga. „Sensationstransfer“, schrieb die Presse 2008.

Begegnung der besonderen Art

Dort spielte er als alter Hase zusammen mit einem 15-jährigen Talent: Michael Gregoritsch, der gerade zum HSV gekommen ist. „Er ist schnell und kann gut mit dem Ball umgehen. Der Wechsel von Bochum zum HSV ist für beide Seiten ein Gewinn, denn Michael hat eine große Zukunft vor sich“, ist sich Fukal sicher. Er könnte Recht haben, hoffentlich – in der Pokalblamage gegen Jena hat der 21-Jährige in seinem ersten Pflichtspiel für die Rothosen immerhin getroffen.

Auch Milan Fukal bestreitet trotz seines hohen Fußballeralters noch Pflichtspiele: nach erneut zwei Jahren in der höchsten tschechischen Liga für SK Hradec Králové seit 2013 für den österreichischen Fünftligisten SV Esternberg.

„Anfangs war es vom Kopf her hart, so tief zu spielen“, gibt er auf Nachfrage zu. „Aber entweder du bist mit der Situation einverstanden, oder nicht.“ Da das Kicken dort Spaß macht, er den Fußball liebt und nur wenige berufliche Alternativen hat – seinen erlernten Beruf als Automechaniker gibt es in der Form nicht mehr – ist er froh, noch „für ein gutes Salär spielen zu können“.

Und so pendelt Milan Fukal jede Woche für dreieinhalb Tage nach Österreich. Donnerstag-abend hin, meist Sonntag nach dem Punktspiel zurück. Die meiste Zeit verbringt der dreifache Vater aber in seiner Heimatstadt Jablonec, wo er eine Kneipe betreibt und seine Frau einen eigenen Kindergarten führt. Was die Zukunft bringt, weiß er nicht genau, nur, dass er spielen will, solange es geht. „Fußball ist mein Leben.“

Irgendwie passte es da gut, dass der bei den Esternbergern wegen seiner sportlichen Leistungen und menschlichen Qualitäten sehr geschätzte Dauerspieler seinen 40. Geburtstag im Mai auf dem Platz feierte – mit seinen Mannschaftskollegen und den Fans bei einem Pflichtspiel gegen ATSV Ranshofen. 1:0 wurde gewonnen. Für einen Mann wie Milan Fukal gleich zwei Geschenke.

Kai Wehl

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