Es ist nicht selbstverständlich, dass hochqualifizierte Frauen in Führungspositionen kommen. Für eine echte Veränderung machen sich Doris Cornils und Anne-Kathrin Guder stark. Sie sind die Macherinnen von Pro Exzellenzia, das Hamburger Karriere-Kompetenzzentrum für Frauen. Wir trafen die beiden, um mehr über ihre Arbeit in diesem deutschlandweit einzigartigen Projekt zu erfahren, das am 1. September von „Komm, mach MINT“ als Projekt des Monats und im November 2016 mit dem Chefsache Award ausgezeichnet wurde.

 

Im April hat eine Studie Aufsehen erregt: Sie zeigte, dass es in deutschen Vorständen allein mehr Männer gibt, die den Vornamen Thomas oder Michael haben, als insgesamt Frauen. Das ist mehr als nur bedauerlich findet Doris Cornils: „Auf die großen Potenziale von Frauen kann und darf eine Gesellschaft nicht verzichten.“ Unnötig an dieser Stelle noch einmal auf die nachgewiesene höhere Produktivität gemischtgeschlechtlicher Arbeitsgruppen hinzuweisen.

Trotzdem gibt es auf dem Weg zur Gleichberechtigung immer wieder Gegenwind. Die aktuelle Situation für Frauen in der deutschen Arbeitswelt bringt Anne-Kathrin Guder mit folgender Aussage auf den Punkt: „In den höheren Positionen liegt der Männeranteil bei 80%. Die Angst der Männer davor, zu kurz zu kommen, ist vor diesem Hintergrund relativ unmotiviert.“

 

So kann man wirklich etwas verändern

 

Mit den Macherinnen von Pro Exzellenzia haben wir die richtigen Ansprechpartnerinnen gefunden, die uns ein Beispiel dafür geben können, wie echte Veränderung zu bewirken ist.

Bereits 2010 wurde auf Initiative der sieben Hochschulen der Stadt Hamburg ein Karriere-Kompetenzzentrum gegründet, das hochqualifizierte Frauen mit Erstwohnsitz in Hamburg bei der strategischen und nachhaltigen Planung von Karrierewegen in Führungspositionen unterstützt. Das Kompetenzzentrum ist allen Frauen mit einem Hochschulabschluss in den Bereichen MINT, Musik, Kunst, Architektur und Geisteswissenschaften geöffnet.

Zudem gibt es Stipendien, die zusätzlich zu finanzieller Unterstützung ein modularisiertes Qualifizierungsprogramm umfassen. Zu diesem gehören Workshops, Vortragsveranstaltungen und Bewerbungsberatungen. Von zentraler Bedeutung sind auch individuelles Coaching und die Begegnung mit Role Models.

Gerade wurde ein ergänzendes Qualifizierungsprogramm für hochqualifizierte Migrantinnen, die einen in Deutschland anerkannten Hochschulabschluss vorweisen können, gestartet.

„Wir haben natürlich schon vorher mit Migrantinnen zusammengearbeitet“, erzählt Anne-Kathrin Guder. „Dabei ist uns aufgefallen, dass diese, im Unterschied zu Frauen, die hier studiert haben, mit den Besonderheiten und Eigenheiten des Deutschen Wissenschaftssystems nicht vertraut sind. Mit einer gezielten Unterstützung kann man diesen Frauen den Zugang zur Wissenschaft öffnen und damit große Potenziale heben.“

Feierstunde zur Verleihung der Zertifikate an Stipendiatinnen 2016. Auch die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Bündnis 90/Die Grünen) war dabei. Foto: Frank Krems

Anpassung kann keine Lösung sein

Was Frauen im Rahmen ihrer Stipendien mit auf den Weg in die Arbeitswelt gegeben wird, sind beispielsweise Kommunikationsstrategien und Vorbereitungen auf ungeschriebene Konventionen, die den Arbeitsalltag regulieren.

„Wir gehen dabei aber nicht von Anpassung aus. Weder sollen sich Frauen an Männer anpassen, noch Migrantinnen ihre kulturelle Prägung verneinen. Es geht um das Verstehen kultureller Codes“, erklärt Doris Cornils. „Damit zusammenhängend werden Möglichkeiten des selbstbewussten Auftretens, interkultureller Kommunikation sowie das Knowhow zur Bewerbung und zum Netzwerken vermittelt. Denn gute Kontakte sind wichtig für eine Karriere in Wirtschaft oder Wissenschaft.

Die Möglichkeit, den richtigen Menschen zu begegnen, haben die Frauen beispielsweise im Rahmen von öffentlichen Vortragsveranstaltungen, Podiumsdiskussionen und anderen Formaten, die Pro Exzellenzia organisiert.

Auch bei Fragen zur Vereinbarkeit von Karriere und Familie werden Frauen hier begleitet und beraten. Denn weil in Deutschland die Fürsorge zeitanteilig noch immer überwiegend von Frauen geleistet wird, ist auch bei der Kinderplanung ein strategisches Vorgehen nötig und sinnvoll. Dann schließen sich Karriere und Kinder nicht mehr gegenseitig aus.

Schon mit diesen Aufgaben leisten Doris Cornils und Anne-Kathrin Guder eine ganze Menge. Darüber hinaus sind sie als Gender-Expertinnen auf Tagungen vertreten, geben einen Newsletter heraus und sind in zahlreichen Netzwerken vertreten. Neue thematische Schwerpunkt ab 2018 sind beispielsweise Digitalisierung der Arbeitswelt, Gründerinnen, Empathie und Wertschätzung als neue Führungskompetenzen.

Bislang ist Pro Exzellenzia jedoch nicht verstetigt worden und somit an Bewilligungszeiträume gebunden. Was nach 2020 wird, ist derzeit noch offen. Dabei wäre es im gesellschaftlichen Interesse und ein wichtiges Signal Hamburgs, das Kompetenzzentrum dauerhaft zu etablieren. Wir, von Hamburg Woman, drücken dafür die Daumen!

Text: Wolfgang Wagner

Foto: Benjamin Hüllenkremer

 

Infos auf einen Blick:

Pro Exzellenzia wird durch Mittel der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung der Freien und Hansestadt Hamburg (BWFG) sowie des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Die Gründung im Jahr 2010 geschah auf Initiative der sieben Hochschulen der Stadt Hamburg. 90 hochqualifizierte Frauen wurden durch ein Stipendium unterstützt. Und ca. 1.000 Frauen durchliefen das Programm.Logo-Leiste

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