Wird alles immer banaler und trivialer? Die Medien, die Posts auf Facebook, platte Events – das ganze Leben nur noch hohl? Zwei Frauen wagen den Gegenentwurf.

Eine der herausforderndsten Geisteswissenschaften erfährt einen Relaunch: Philosophie! Das jedenfalls sagen Nina Schmid und Julia Kalmund. Ihre Antwort: „Street-Philosophy“
HAMBURG WOMAN hat schon teilgenommen. Cool war das irgendwie: Ambiente im stylischen Hotel „east“ mitten auf dem Kiez, eine sehr kluge Frau Professor Dr. Dr. als Referentin und ein Thema mit Tiefgang. Verbringt man doch die meisten Hamburger Events bräsig mit einem Glas Caipirinha am Stehtisch, um sich über Banalitäten auszutauschen: „Hallooo! Wie geht’s dir so – ?“ „Suuuper, danke, hervorragend!“ Nächstes Gespräch.
Ganz anders bei „Street Philosophy“. Und was ist das bitte genau? Nina Schmid: „Wie lebe ich ein sinnvolles Leben? Was bedeutet Glück? Wie finde ich einen Beruf der mich erfüllt? Wie führe ich eine gute Beziehung? Wie gelingt es mir frei zu sein? Das Leben ist voller dieser großen Fragen, die meist erst leise daherkommen, aber irgendwann unaufhaltsam vor einem stehen.“
Die großen philosophischen Fragen, lernen wir, liegen praktisch auf der Straße. Oder können hier sinnreich diskutiert werden. „Street Philosophy“ ist ein Netzwerk aus Menschen, die Spaß haben am genauen Denken.
Wie vor kurzem im east Hotel, Privat Cinema: Sie trägt nicht den typisch tristen Pullunder des normalen Hochschul-Philosophen, sondern eine knallrot-glänzende Lederjacke. Uuups. Frau Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming. Hochgebildet. Autorin unzähliger Bücher. Philosophin. Selbstständig. Diese spannende Frau spricht über „Wie geht gut leben?“ Hallo, das ist doch die Kernfrage unserer aller Existenz. Ja, das ist die Zentrale Frage und reicht bis in unser hedonistisches Jetzt. Und wie wurde sie von Platon, Sokrates, Aristoteles oder Buddha beantwortet? Katharina Ceming spricht dazu frei, sehr wissenschaftlich und wieder sehr populär. Es gibt keine einfachen Antworten. Aber verstehbare. „Wer ein gutes Leben leben möchte, muss verstehen, dass die innere Haltung entscheidend ist, und nicht die äußeren Umstände!“ Schau, was in deinem Einflussbereich liegt, erklärt sie weiter, nur dort kannst du etwas verändern, denn nur dort kannst du auch Einfluss nehmen.
Es ist ein Stück Glücksforschung, nah an der Psychologie, wenn wir Fragen nach dem (guten) Leben stellen.
Und: Es ist die Lust am Denken, an der Reflektion des Seins, einfach weil es Spaß macht, so wie beim Tischtennisspielen einen Gedanken, eine Idee, wie einen Ball hin und her zu spielen. Ist das Philosophie? Okay, fast, natürlich ist da noch das Ziel, die Welt und die menschliche Existenz zu verstehen und zu deuten. Wer bin ich – und wenn ja wie viele? Der diese Frage zu seinem Buchtitel machte ist Richard David Precht, ein cooler Typ mit schulterlanger Mähne und blitzwachen Augen. Er hat als „TV-Philosoph“ das anspruchsvolle Denken in die Glotze zurückgeholt.
Zeitgenössische Philosophen definieren ihre Rolle zunehmend auch als Antwortgeber – statt nur die großen Fragen zu stellen und sich um die Antworten zu drücken. Katharina Ceming verknüpft Philosophie in ihren Veranstaltungen und Vorträgen aber auch als Orientierung für Unternehmensführung, Coaching und Unternehmensethik. Spannend, dass zum Event im east Hotel fast nur Frauen kamen. War doch philosophieren bisher im Schwerpunkt Männersache.

Julia Kalmund und Nina Schmid machen www.street-philosophy.de
Aktuelle Events in Hamburg siehe Homepage.

Beitragsbild: Mutter und Tochter! Frauen mit Spaß am Denken. Nina Schmid und Julia Kalmund (v.l.): Das Leben ist voller großer Fragen. Foto: privat 
Text: Wolfgang E. Buss

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