Social Freezing für Karriere: Eizellen im Kühlschrank

Erst Karriere und dann das Kind? Klar! Eizellen einfrieren und durchstarten! Später bei Bedarf das eigene Erbgut wieder aus dem Kühlschrank holen. Und dann: mit grauen Haaren in den Kreißsaal. Berufliche Alternative oder nur ein Wunsch von Männern und Konzernen?

 

Ein Zukunftsszenario für Männer und Frauen mit übervollem Terminkalender? Nicht bei Apple und Facebook, die ihren Mitarbeiterinnen die schwere Familienplanung abnehmen. Sie können auf Rechnung der Konzerne ihre Eizellen einfrieren lassen, um sie bei Bedarf wieder auftauen zu lassen.
Damit erreicht der Kampf um die Besten in der IT-Branche eine neue Dimension. Denn mit dem Fruchtbarkeitsprogramm buhlen Apple und Facebook um junge und talentierte Mitarbeiterinnen. Diese müssen sich künftig nicht mehr den Kopf zerbrechen, wie sie Kind und Karriere unter einen Hut bringen wollen. Und das Ganze unter Zeitdruck, weil die biologische Uhr tickt. Schließlich erreicht die gebärfreudige Frau mit Mitte 40 das kritische Alter, bei dem der Babywunsch nur noch als verblassender Traum übrig bleibt. Danach ist unverrückbar Schluss. Die beiden IT-Konzerne rollen dagegen den roten Teppich aus und machen die Schwangerschaft zum zeitlosen Prozedere für Frauen, die sich nicht länger diesen Gesetzmäßigkeiten unterwerfen wollen. Schließlich machen es die Männer doch genauso: Sie werden Väter mit 60 oder 70 Jahren und kein Mensch auf der Straße dreht sich um, wenn ein stark an den Schläfen ergrauter Mann einen Kinderwagen schiebt. Haben Männer jemals ihre Karriere nach der Kinderplanung ausgerichtet? Wurde jemals ein Mann beim Personalgespräch gefragt, ob er seinen Führungsjob mit der Betreuung der Kinder vereinbaren kann?
Und nun eben diese Nachricht aus dem Silicon Valley, mit der beide Konzerne nicht nur ihren beschämend geringen Frauenanteil von 30 Prozent in der Belegschaft erhöhen wollen. Natürlich steckt hinter diesem „Social Freezing“ auch die Absicht,  seltener auf qualifizierte Mitarbeiterinnen durch eine Babypause verzichten zu müssen. Das Rennen um die besten Talente lassen sich die Unternehmen auch etwas kosten: Bis zu 16.000 Euro investieren sie in das Reproduktionsprogramm, für das die Frauen eine aufwändige medizinische Prozedur über sich ergehen lassen müssen, damit aus der Eizelle vielleicht Jahrzehnte später ein gesundes Baby wird. Erst eine wochenlange Hormontherapie, dann das Entnehmen der Eizellen unter Narkose – bis zu 20 pro Zyklus. Nicht zu vergessen die Befruchtung und das Einsetzen in die Gebärmutter, um das künstliche Verfahren hoffentlich erfolgreich abzuschließen. Wer das macht, muss einen starken Mutterwunsch in sich spüren und sich bedingungslos diesem Deal mit dem Arbeitgeber unterwerfen. Aber im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem „egg freezing parties“ ähnlich ausgelassen wie Tupperpartys mit Sekt gefeiert werden, verwundert gar nichts mehr. Ausbeuterische Absichten können beiden Konzernen nicht unterstellt werden, die auf der anderen Seite mit Betriebskindergärten gute Arbeitsbedingungen schaffen und mit 4000 Dollar Babyprämie sowie bezahltem Mutterschaftsurlaub locken.
Im Amerika zählt diese Währung im Kampf um Top-Kräfte –  Apple und Facebook gehen mit ihrem gesteuerten Fruchtbarkeitsprogramm neue Wege. Deutsche Konzerne locken dagegen mit Essensmarken für die Kantine und Betriebssport. Reichen diese Image-bildenden Maßnahmen, um dem Fachkräftemangel erfolgreich zu begegnen? Wollen karrierebewusste Frauen nicht auch wie in beiden US-Konzernen die Chance geboten bekommen, ihren Babywunsch auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben? Das wäre doch eine Form der Frauenförderung, die der Wirklichkeit des Arbeitsmarktes entspricht. Neben den vielen Stimmen der Empörung, die den US-Konzernen moralisch-ethischen Verfall vorwerfen, gibt es auch diese Meinungen. Denn wie viele Frauen in unseren Führungsetagen haben auf Nachwuchs verzichtet, weil Windeln, Zähnchen und Co nicht kompatibel mit Meetings in einem 16-Stunden-Tag sind? Viele Branchen lassen keine lange Auszeit zu. Vor wenigen Wochen sind gerade erst sind zwei ZEIT-Redakteurinnen in den Offensive gegangen und haben sich dazu bekannt, dass Kind und Karriere nicht zu vereinbaren sind. Das alles sei eine Lüge. Diese Vorzeige-Powerfrauen würden nur ein schlechtes Gewissen machen. Beide Autorinnen und Mütter plädieren für mehr Mut in der Vereinbarkeits-Diskussion. Das ist ein bemerkenswerter Vorstoß, nachdem viele Unternehmen mit Job-Sharing, Home-Office und individuellen Arbeitszeitprogrammen auf die Bedürfnisse von arbeitenden Müttern reagiert haben. Die Handelskammer Hamburg, die Handwerkskammer der Stadt sowie die Fachbehörde vergeben seit Jahren ein Familiensiegel für Unternehmen, die in vorbildlicher Weise Vereinbarkeits-Programme aufgestellt haben. Für das Einfrieren von Eizellen auf Kosten des Arbeitgebers wird es sicher keinen Preis geben. Silicon Valley liegt nicht an der Elbe.
Also bleibt schlussendlich die Frage, wie weit der Mensch in die Natur eingreifen darf und sich die Welt mit „Social Freezing“ noch ein bisschen mehr untertan macht. Konzerne greifen in die Familienplanung ein und Reproduktionsmediziner spielen Gott. Nicht länger Paare entscheiden darüber, ob sie auf natürlichem Wege neues Leben schenken. Perfekte, schöne, neue Welt. Aufmerksame Beobachter dieser sich verändernden Arbeitswelten haben bereits Wetten abgegeben, dass sich schon bald das erste deutsche Unternehmen auf Tiefkühltruhe statt Teilzeit setzen wird. Man darf gespannt sein, ob der DAX dieses Unternehmens an der Börse in den Keller geht oder sich nach oben schwingt.

Nicola Sieverling

HAMBURG WOMAN erklärt „Social Freezing“:

Wie geht das?

Am Anfang der Prozedur steht eine Hormonbehandlung, um die Produktion von Eizellen anzuregen. Daraufhin werden die Eizellen mit einer Nadel abgesaugt. Die Eizellen werden heutzutage meist mittels Vitrifizierung eingefroren. Dazu werden die Zellen in flüssigen Stickstoff (-196°C) getaucht. Um die Erfolgswahrscheinlichkeit hoch zu halten, werden 10-15 Eizellen benötigt. Einige Frauen müssen dazu mehrere dieser Behandlungsgänge durchführen.

Wie lange sind die Eizellen haltbar?

Derartig gefroren lassen sie sich Jahrzehnte lang aufbewahren.

Wie viel kostet das Ganze?

Die Entnahme- und Einfrier-Prozedur allein kostet mehrere tausend Euro; für die Lagerung kommen entsprechende Kosten dazu.

Wie wahrscheinlich ist ein Erfolg?

Die Erfolgsrate der Methode entspricht mittlerweile beinahe der von in-vitro-Fertilisation ohne Einfrieren. Günstig wirkt es sich aus, wenn die Frau bei Entnahme der Eizellen noch möglichst jung ist. Die Wahrscheinlichkeit für Behinderungen ist wahrscheinlich ähnlich hoch wie bei herkömmlich gezeugten Kindern. Bisher wurden mehr als 2.000 Kinder über diese Methode auf die Welt gebracht.

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