Musikwissenschaftlerin Prof. Dr. Beatrix Borchard leitet an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg ein Forschungsprojekt mit Gender-Schwerpunkt. Wir trafen Borchard und erfuhren im Gespräch, warum die Leistungen von Frauen weniger gewürdigt werden, als die von Männern.

 

Wer Bach, Mozart, Beethoven, oder Wagner gewesen sind und was sie gemacht haben, muss man nicht erklären. Auch Menschen, die keine Klassik hören, können diese Namen der Musikwelt zuordnen. Aber wem würde auf Anhieb der Name einer Komponistin einfallen? Mit Beatrix Borchard, die bis 2016 an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg lehrte, haben wir genau die richtige Ansprechpartnerin gefunden, um den Ursachen für dieses Missverhältnis nachzugehen.

Auf unsere Nachfrage erklärt Borchard: „Das liegt natürlich nicht daran, dass Frauen im 18. oder 19. Jahrhundert nicht komponiert haben. Leider wurden Frauen zumeist die nötigen Ausbildungs- und Aufführungsmöglichkeiten verwehrt. So konnten sie nicht mit Männern und ihren Werken konkurrieren.“

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Leistet seit 2001 Pionierarbeit: Projektleiterin Prof. Dr. Beatrix Borchard. Foto: Hartmut Schoen.

Bedenkt man, dass die Pianistin und Komponistin Clara Schumann (1819-1896) eine sehr bedeutende Künstlerinnenpersönlichkeit der Musikwelt des 19. Jahrhunderts war, wird deutlich, dass daraus keineswegs zu schlussfolgern ist, dass Frauen für die Musikgeschichte des Abendlandes keinen nennenswerten Beitrag geleistet hätten. Im Gegenteil, weiß Borchard: „Frauen haben das Kulturleben zu allen Zeiten und an allen Orten stets mitgeprägt.“ Doch warum sind ihre Leistungen heute nicht genauso im kulturellen Gedächtnis verankert wie diejenigen der Männer? Und lässt sich das nachholen?

Dazu Borchard: „Traditionell ist die Musikwissenschaft werkorientiert und erforscht das Schaffen einzelner Komponisten. Doch damit ist die Musikgeschichte keineswegs vollständig erfasst.“ Deshalb hat sie bereits 2001 ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, das den Blick auf die Musikgeschichte so erweitert, dass die Leistungen von Frauen als unverzichtbarer Bestandteil historischer Entwicklungen greifbar werden.

„Versteht man Musikgeschichte als Geschichte kulturellen Handelns, dann müssen selbstverständlich auch Förderinnen und Interpretinnen bei der Darstellung von Musikgeschichte berücksichtigt werden“, führt Borchard aus. „Frauen, die Musik-Salons veranstaltet haben, bei denen junge Komponisten im privaten Kreis ihre Werke vorstellen konnten, haben manchem Nachwuchstalent Türen geöffnet, die ihnen den Zugang zu den europäischen Bühnen überhaupt erst ermöglicht haben.“

Inzwischen haben Borchard und ihr Forschungsteam zahlreiche interessante Frauen und ihr Lebenswerk erforscht. Darunter natürlich auch Komponistinnen, deren Werke nicht kanonisiert wurden, heute also selten oder gar nicht mehr gespielt werden.

Ein besonders prominentes Beispiel für diese Forschungsleistung ist Borchards Arbeit zu der französischen Sängerin, Gesangslehrerin und Komponistin Pauline Viardot-Garci­a (1821-1910), die eine der schillerndsten Persönlichkeiten des europäischen Musiklebens im 19. Jahrhundert war.

Um die Forschungsergebnisse der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat Borchard den Schwerpunkt auf online verfügbare Lexikonartikel und multimediale Präsentationen gelegt. Daher lautet der Name des Projekts „Musik und Gender im Internet“ (MUGI). Auf der Homepage finden sich inzwischen auch sogenannte Männerseiten, die das Schaffen und Wirken männlicher Musiker unter gender Gesichtspunkten analysieren.

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Engagiert sich im Projekt MUGI für den Bereich Popularmusik: Prof. Dr. Nina Noeske. Foto: Torsten Kollmer.

Hervorzuheben ist außerdem, dass MUGI als offenes Projekt angelegt ist, für das engagierte Menschen Lexikonartikel schreiben und einreichen können. Die Beiträge werden professionell in einer Redaktion betreut und mit 160 € Aufwandsentschädigung gewürdigt, müssen allerdings wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

Bislang liegt der Schwerpunkt des Projektes im Bereich Klassik, aber Borchards Kollegin und Nachfolgerin Prof. Dr. Nina Noeske kümmert sich bereits um Beiträge zur Popmusik. „Weil es auf diesem Gebiet Nachholbedarf gibt“, so Borchard, „sind Artikel dazu besonders willkommen.“

Wer meint, es sei für den Musikbetrieb von heute fraglich, ob Frauen immer noch anders wahrgenommen und gewürdigt werden als Männer, der kann sich durch wenige Beispiele verdeutlichen lassen, dass das zumindest für die klassische Musikszene leider immer noch der Fall ist. An der Metropolitan Opera New York, eines der bedeutendsten Opernhäuser der Gegenwart, wurde mit der Oper „L’Amour de Loin“ von Kaija Saariaho erst zum zweiten Mal seit Bestehen des Hauses das Werk einer Komponistin gespielt. Zugleich war Susanna Mälkki, die Saariahos Werk dirigierte, erst die vierte Frau am Pult der Metropolitan Opera.

Es bleibt also immer noch viel zu tun! Dabei werden alle, die sich engagieren wollen, rasch feststellen, dass häufig Pionierarbeit zu leisten ist – aber gerade deshalb sind bei der Recherche spannende Erkenntnisse zu erwarten.

Text: Wolfgang Wagner

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