Sibel Kekilli im Interview

Sibel Kekilli gehört zu Hamburgs erfolgreichsten Schauspielerinnen. Ihr Debüt feierte sie mit Fatih Akins Film „Gegen die Wand“. Für das Interview mit der Hamburgerin reiste HAMBURG WOMAN zum „Tatort“-Interviewtag nach Berlin, um mit ihr über Ängste, Attraktivität und anstehende Projekte zu sprechen. 

In „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ wird Kommissarin Sarah mit ihren Ängsten konfrontiert und erlebt eine Re-Traumatisierung. Wie schafft sie es trotz allem professionell weiterzuarbeiten?
Sibel Kekilli: Es ist die Fortsetzung von „Der stille Gast“, in der Sarah Brandt das Opfer war. Darin war der Täter in ihrer Wohnung, hat an ihren Schuhen gerochen, sich mit ihrer Zahnbürste die Zähne geputzt – ist in ihr privates Leben eingedrungen. Sowas vergisst man nicht. Dadurch erkennt sie früher als alle anderen, dass es um den gleichen Täter geht und fällt in ein Re-Trauma. So wie er von ihr besessen war, ist sie es auch von ihm gewesen und besessen davon, ihn zu finden. Nach einem kurzen Zusammenbruch ist sie dann die, die noch am klarsten denken kann, weil sie sich bereits intensiv mit ihm auseinander gesetzt hat.
Sie haben mehrere anspruchsvolle Rollen und Situationen gespielt. Nehmen Sie die Rolle mit nach Hause oder können Sie Beruf und Privates strikt voneinander trennen?
Ich glaube schon, dass ich immer ein Stück meiner Rolle auch mit nach Hause nehme. Sprich, dass ich in meiner Rolle drin bin und eigentlich auch gar nicht raus will. Mal ist es intensiver, mal nicht. Das kommt auf die Rolle und Folge an. Bei „Die Fremde“ war es extrem. Gefühlt habe ich in einem Ballon gelebt und war für niemanden ansprechbar.
Was macht die Angst mit einem Menschen?
Sie lähmt, ob äußerlich oder innerlich. Mit Lähmung meine ich im gewissen Sinne auch die Hemmung. Es muss nicht unbedingt die Angst vor etwas Bösem sein. Wenn man vor einem Risiko, einer Kündigung, einem großen Schritt steht und man Angst davor hat, diesen zu gehen, kann diese Angst schon aufhalten.
Haben Sie Ängste?
Ja, jeder kennt Ängste, auch mal Existenzängste. Sie sind unberechenbar und kommen gerne auch ohne Berechtigung. Momentan herrschen z.B. auch große politische Ängste.
Sie spielen eine taffe Kommissarin und wurden zu der attraktivsten Tatort-Kommissarin gewählt. Wie stehen Taffheit und Attraktivität im Verhältnis zueinander?
Ich glaube vor Taffheit hat man auch Angst. Es gibt verschiedene Definitionen von Attraktivsein. Einige Männer finden vielleicht Frauen attraktiv, wenn sie im Verhalten sehr mädchenhaft sind und keine Gefahr ausstrahlen – sich ein bisschen kleiner machen. Für mich ist es genau gegenteilig. Das Taffe kann sehr, anziehend sein und Selbstbewusstsein ausstrahlen. Das macht Frauen attraktiv, glaube ich, oder nicht?
Sind Sie ähnlich wie Sarah Brandt?
Ich glaube schon, dass in jeder Rolle auch ein Stück von dem Schauspieler bzw Schauspielerin steckt. Aber ich denke, dass ich nicht viele Ähnlichkeiten mit Sarah Brandt habe.
Was machen Sie statt Schießübungen?
Lesen, Sport und Reisen, wenn ich es zeitlich hinbekomme.
Was macht Frauen attraktiv?
Intelligenz und Humor! Wenn sie über sich selbst lachen können und nicht alles so ernst nehmen – wenn eine Frau anpackt, hilft, politische und allgemeine Diskussionen und Gespräche führen kann, ist das attraktiv.
Wie bereiten Sie sich auf unterschiedliche Rollen vor?
Bei „Die Fremde“ geht es um Ehrenmorde. Da habe ich mich schon vorher mit „Terre des Femmes“ für dieses Thema engagiert. Durch mein Engagement war ich bereits mit dem Thema vertraut. Bei anderen Rollen wie bei „Game of Thrones“ versuche ich, mich mit Schauspiel-Coaches vorzubereiten und mich über das Thema zu informieren. Gleichzeitig versuche ich aber auch mich fallen zu lassen, nicht nachzudenken und nach Gefühl zu spielen. Wenn man Glück hat und einen Regisseur, der einen gut führt, trägt das auch viel dazu bei.
Haben Sie noch andere Projekte?
Am 10.12. werde ich bei den Kasseler Soroptimist-Club den Film „Die Fremde“ vorführen und eine Rede über Frauenrechte und Ehrenmord halten. Soroptimist ist die weltweit größte Service- Organisation berufstätiger Frauen, die sich beispielsweise für Bildung von Frauen und Mädchen stark macht.
Ich habe 2-3 Herzensprojekte, die müssen aber erst finanziert werden, was bei kleinen Filmen momentan sehr schwierig ist. Im Februar werde ich für arte Regie für einen kurzen Dokumentarfilm führen – Meine erste Regiearbeit.
Glückwunsch! Verraten Sie uns das Thema?
Ich darf eine Person vorstellen, die ich sehr bewundere – ich habe Christa Stolle genommen, von „Terre des Femmes“, die sich für Frauenrechte einsetzt und ihnen in Not hilft. Wir werden unter anderem nach Burgas reisen, da war ich dieses Jahr auch schon, wo Roma-Mädchen betreut und gefördert werden. Es geht darum, dass diese Mädchen nicht schon mit 12 oder 13 schwanger oder zwangsprostituiert werden. Mir ist es wichtig, ihre Arbeit ein wenig bekannter zu machen und dadurch mehr Aufmerksamkeit zu generieren.

Tatort: „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“, 29. Nov. um 20.15 Uhr. Sarah Brandt (Sibel Kekilli) ist immer noch traumatisiert und hat Todesangst.

Tatort: „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“, 29. Nov. um 20.15 Uhr. Sarah Brandt (Sibel Kekilli) ist immer noch traumatisiert und hat Todesangst.

Valeska

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