Mit ihrer Chanson- und Popmusik gelang Annett Louisan vor 15 Jahren der große Durchbruch, ein Vergleich mit anderen Künstlern ist fast unmöglich. In St. Georg fand die deutsche Ausnahmekünstlerin ihr Zuhause. Bald geht sie mit ihrem neuen Album auf große Tour, Alster Magazin wollte genauer wissen, was hinter „kleine große Liebe“ steckt.

Alster Magazin: Der Titel deines neuen Albums enthält zwei Gegensätze, erklär mir doch bitte einmal, was dahinter steckt.

Annett: Als ich die Lieder geschrieben habe, kristallisierte sich der Titel heraus. Es geht um Liebe, ich bin eh der Meinung, dass es einfach immer um Liebe geht. Auch wenn man hasst – es gibt keinen Hass, ohne Liebe. In den letzten Jahren interessieren mich die Ambivalenzen des Menschen und des Lebens immer mehr, die zwei Seiten, das Dunkle und das Helle, die schönen, aber auch die traurigen Zeiten. Letzten Sommer habe ich versucht das Album zusammenzustellen und mir fiel auf, dass ich zwei Alben geschrieben habe. Inhaltlich gehören beide zusammen, aber ich hätte die Texte verändern müssen, um sie zu einem zu machen und das Doppelalbum gab mir die Möglichkeit, zwei homogene Alben zu produzieren, musikalisch unterschiedlich, aber inhaltlich eben eins. Das Ende eines Lebensabschnitts und der Anfang von etwas Neuem. Das wollte ich nicht auseinanderreißen.

Foto: Marie Isabel Mora

Die kleine Liebe handelt zum Beispiel von der Liebe zum Detail, die nicht so offensichtlich ist, und die große Liebe ist etwas dramatischer, opulenter. Alles mit der Philosophie, dass man Liebe einfach nicht bewerten kann.

Hast du die Dinge schon immer so gesehen, warst du schon immer so?

Es war ein langer Weg, ich habe auch schon vieles mitgemacht, vom größten Liebeskummer, bis zu Menschen, die ich aus meinem Leben gestrichen habe, weil ich mit ihnen nicht umgehen konnte, aber ich merkte, dass mir diese Aufregung nicht gut tut. Es ist schön, wenn man gelassener auf das Leben schaut. Aber es ist eine Altersfrage, nach dem ersten Liebeskummer weißt du, dass es, Gott sei Dank, vorbei geht, aber das ist dir in dem Moment nicht bewusst. Der nächste Kummer wird auch schlimm, aber das Wissen, dass es vorübergeht, das hilft sehr. Oft wirst du belohnt, wenn du durchhältst und nicht verbittert bist. Wir Menschen neigen dazu, zu bewerten und zu erwarten, Perfektion ist ein schöner Anreiz, aber Perfektion ist eigentlich nicht nötig.

Fünf Jahre sind seit deinem letzten Album vergangen…

Die Zeit ging unheimlich schnell vorüber, aber es ist wiederum auch so viel passiert. Ich habe wahnsinnig viel gespielt, das unterschätzt man immer, ich habe 2014 und 2015 jeweils immer um die 150 Konzerte gespielt. Irgendwann bist du einfach müde, aber ich habe nicht aufgehört und hatte eine wahnsinnige Sehnsucht nach etwas, aber ich wusste nicht wonach. Irgendwann kam ich an den Punkt, wo ich selbst sah, dass irgendetwas nicht stimmt und mich nicht mehr glücklich macht und das war einfach das Ende eines Lebensabschnitts. Ein erfolgreicher Fotograf sagte mal zu mir, selbst mit dem schönsten Job kommst du an einen Punkt, wo du beginnst, zu zweifeln. Das ist normal und auch richtig so, denn man muss sich weiterentwickeln. Dann begann ich an der „großen Liebe“ zu arbeiten und zu experimentieren und dieser Prozess war unglaublich wichtig.

Viele Künstler leben ihren Traum, sind erfolgreich, aber wollen immer mehr, was glaubst du, woran liegt das?

Erfolg ist ja auch etwas, das man nicht festhalten kann. Du kannst dich darauf nicht ausruhen, das ist das Verrückte daran: Er fühlt sich super an, aber er geht vorbei. Das, was einmal war, das befriedigt dich nicht mehr. „Mehr, mehr, mehr“ – das ist das Konzept des Lebens und  auch die große Gefahr. Du musst dich immer steigern, damit du auch annähernd noch einmal das Gleiche empfindest. Die erste Nummer 1 fühlt sich riesig an, bei der zweiten bist du erleichtert, dass du es wieder geschafft hast und bei der dritten ist es schon nicht mehr so außergewöhnlich. So ist es aber in vielen Lebenssituationen.

Der Landwirt, der auf dem Feld arbeitet, der grübelt vielleicht nicht so viel bei seiner Arbeit, hat aber eventuell viel früher Verschleißerscheinungen in den Knochen. Während der Künstler oder jemand, der kreativ tätig ist, vielleicht weniger körperlich geschwächt ist, dafür aber mit seinen Gedanken zu kämpfen hat. Reichtum, Macht – das hat alles immer zwei Seiten und dieser Ruhm ist nicht alles. Die kleinen Dinge machen das Leben so wertvoll. Mein Leben war nie langweilig, ich habe unheimlich viel erlebt, was andere vielleicht nicht erleben, aber auf der anderen Seite sind dafür andere Dinge dann auch in der Zeit zu kurz gekommen.

Hebt man da leicht ab?

Man muss aufpassen. Ich merke das auch besonders jetzt im Leben mit meiner Tochter. Wir drehen jeden Stein um, es ist das absolute Gegenteil zu dem Trubel, den ich vorher hatte, aber auch diese Entschleunigung ist total wichtig, um zu erkennen, was wirklich wichtig ist.

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