Die Hamburger Choreographin Ursina Tossi zeigt ab dem 15.3. auf Kampnagel ein Projekt über Nacktheit und das „bloße Leben“. Wir sprachen mit ihr und vier Tänzerinnen über den Mut zum Widerstand und Nacktheit als Stärke.

Alster Magazin: Arbeitet ihr zum ersten Mal mit Kampnagel zusammen? Bietet Kampnagel besondere Möglichkeiten?

Projektgruppe: In dieser Konstellation arbeiten wir zum ersten Mal mit Kampnagel zusammen, ja. Kampnagel ist alternativlos in Hamburg. Es ist ein Spielort, der sehr viele Möglichkeiten bietet, experimentelle Arbeiten zeigt und einfach bekannt ist.

Im Regie-Theater ist Nacktheit häufig nicht dramaturgisch motiviert und wirkt dann peinlich. Wie kann man das vermeiden?

In Choreographien haben wir einen ganz anderen Zugang zum Körper, deshalb kann man das schwer vergleichen. Wir haben eine statueske Körpersprache erarbeitet, die ein starkes ästhetisches Potenzial hat. Nacktheit ist bei uns von Anfang an gegeben, es ist also nicht so, dass sich jemand irgendwann auszieht.

Wie wird die Semantik der Choreographie vermittelt? Wird auch gesprochen?

Wir arbeiten ja noch an der Choreographie. Aber es wird vermutlich nicht gesprochen werden, nein.

Gibt es eine Handlung? Oder geht es um bildlich-suggestive Eindrücke?

Es geht um körperliche Zustände. Es wird aber keine Geschichte erzählt. Da die Zuschauer in den Raum, in dem wir agieren, einbezogen werden, wählt jede(r) die Perspektive selbst. Und weil es viel darum geht, welche Gedanken man dazu entwickelt, wird jeder ein eigenes Erlebnis haben.

Potenziert Nacktheit die Angreifbarkeit?

Der nackte Körper ist ambivalent. Es ist fragil und machtvoll zugleich. Man ist zugleich angreifbarer, kann aber in der Nacktheit auch Stärke zeigen, weil man die Kraft hat, so aufzutreten. Es potenzieren sich also sowohl Angreifbarkeit, als auch Stärke. Zusätzlich werden die Zuschauer natürlich mit dem eigenen Blickverhalten konfrontiert. Insofern kann man auch von einer Nacktheit des Schauens sprechen.

Wie kann ein Körper Gegenstand politischer Vereinnahmung werden?

Jeder Körper ist auf verschiedene Weisen politisch eingebunden. Wir interessieren uns für den prekären Körper, der jederzeit aus einem Rechtssystem herausfallen kann: Der Körper im Ausnahmezustand. Wie können diese Körper widerständig sein?

In eurem Ankündigungstext wird der Körper als „Objekt strategischer Affektbildung“ bezeichnet. Was versteht ihr darunter?

Damit ist die subjektive Deutung von Körpersprache gemeint. Im Sinne einer fremden Festlegung. In unserer Arbeit versuchen wir den Körper diesem Zustand zu entreißen.

Vergrößert Nacktheit das körperliche Potenzial zum Widerstand?

Demonstrieren ist die Bereitschaft, den eigenen Körper für eine bestimmte Sache in gewissem Maße aufs Spiel zu setzen. Das so ungeschützt zu tun, ist natürlich noch einmal mutiger, weil man dann verletzlicher ist.

Eure Choreographie zielt darauf, philosophische Fragestellungen erlebbar zu machen. Kann Tanz anders zur Reflektion anregen als andere Kunstformen?

Ja. Ich glaube, sonst wäre er gar nicht da. Das Medium Tanz ist quasi unerschöpflich. Als Zuschauer hat man auch mehr Raum zur Deutung: Egal, wie deutlich das Bild ist, der Zuschauer hat körperlich Teil an dem, was auf der Bühne passiert, er beeinflusst es mit. Tanz funktioniert anders als Sprache.

Info:

Ursina Tossi: „Bare bodies – Bodies & States of exception“, Premiere am 15.3., 20:30 Uhr, Kampnagel, Jarrestraße 20. Weitere Vorstellungen: 16.3., 17.3., 18.3. jeweils 20:30 Uhr, Karten: 15 /erm. 9 €,  auf www.kampnagel.de

Text: Wolfgang Wagner

Foto: Anja Winterhalter

 

 

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