Die Staatsoper Hamburg hatte am 12.2. Premiere mit Christoph Marthalers Neuinszenierung von Alban Bergs Oper „Lulu“. Wir von der „Hamburg Woman“ haben uns gefragt: Wie aktuell ist die Figur Lulu?

Der österreichische Komponist Alban Berg (1885-1935) hat sich für seine zweite Oper „Lulu“ eine skandalschwangere Textvorlage ausgesucht. Das zweiteilige Theaterstück „Lulu“ von Frank Wedekind war nach den ersten Aufführungen verboten worden. Doch was hat an dieser Frauen-Figur eigentlich so schockiert? Und hat sich an dieser Brisanz etwas geändert? Wird nicht nur Lulu, sondern die weibliche Sexualität überhaupt inzwischen anders wahrgenommen?

Um diese Fragen zu beantworten, muss man untersuchen, wie Lulu mit Männern umgeht und wie sie wahrgenommen wird.

Es ist sehr auffällig, dass Lulus Werdegang über Männerleichen hinwegzuführen scheint. Schon im ersten Akt stirbt ihr erster Ehemann an einem Herzinfarkt, als er sie mit dem Maler erwischt, der Lulu auf seinen Wunsch porträtieren sollte. Dass der Maler Schwarz sie vergewaltigen wollte, erfährt er nicht mehr. Schwarz wird nun ihr zweiter Ehemann, bringt sich jedoch um als er erfährt, dass Lulu ihm untreu ist. Es folgt der nächste Mann.

Weiterführend ist die Beobachtung, dass Lulu nichts tut, um die Männer auf sich aufmerksam zu machen. Was sie fasziniert, ist etwas, das sie ganz von selbst ausstrahlt. Nämlich das tief empfundene Wissen sich selbst gefunden zu haben. Weil sie so geerdet ist, hat sie auch die Gabe Menschen auf den ersten Blick zu durchschauen. Diese Gabe bringt aber nicht nur Glück, denn rasch sind Menschen damit überfordert in einer solchen Begegnung mit sich selbst konfrontiert zu werden. Lulu funktioniert unweigerlich wie ein Spiegel. Sie zeigt den Menschen ihr ungeschöntes Abbild – auch ihre hässlichen Seiten, ihre seelischen Abgründe.

Die Einzigartigkeit einer Begegnung mit ihr löst deshalb immer eine Faszination aus, die leicht in Hass umschlägt. Dafür muss Lulu die zu Tage tretenden negativen Eigenschaften nicht einmal offen kritisieren. Als Spiegel ist sie eine wandelnde Anklage.

Man kann sich fragen, wie die Männer unserer heutigen Gesellschaft eine solche Erfahrung erleben würden. Und man kann vermuten, dass die meisten damit überfordert wären. Andererseits ist natürlich für heute wie für damals nicht auszuschließen, dass Lulu auch Männern hätte begegnen können, die mit sich selbst im Reinen sind und entsprechend kein Konfliktpotenzial in sich tragen.

Lulu hat jedoch eine Herkunft, die sie in ihren Augen für den Umgang mit der guten Gesellschaft unmöglich macht. Ihr latenter Selbsthass ist es, der sie den Umgang von Menschen suchen lässt, die ihren Untergang bedeuten.

Das ist alles schon mal ziemlich spannend! Aber was ist mit der Musik? Worauf lässt man sich ein, wenn man eine Aufführung der Oper von Alban Berg besucht?

Die atonale Komposition stellt für das Publikum eine Herausforderung dar. Wir haben die kanadische Sängerin Barbara Hannigan, die am Sonntag ihr Hamburg-Debüt gegeben hat, gefragt, wie sich die Musik leichter erfassen lässt. Hannigan erklärte: „Es gibt viele Einflüsse der Musik des 19. Jahrhunderts, aber auch von Jazz-Musik. Berg ordnet jeder Figur der Oper eine eigene Melodie zu.“ Mit diesen Hinweisen ist ein intuitiver Zugang zum Werk viel leichter möglich.

Weil sich dieser Artikel an Menschen richtet, die sonst nicht in die Oper gehen, seien hier noch einige andere Aspekte vermittelt, die Hemmschwellen überwinden können.

Da wäre die Sache mit dem Text. Tatsächlich kann man kaum verstehen, was gesungen wird. Deshalb werden in der Staatsoper Übertitel eingeblendet. Man kann also mitlesen, was gesungen wird. Wer sich mit einem Werk nicht gut auskennt, aber keine Zeit hat, sich vor dem Opernbesuch zu informieren, kann einfach den Einführungsvortrag 40 Minuten vor Vorstellungsbeginn besuchen.

Auch der Garderobenzwang hat sich seit der Jahrtausendwende sehr entspannt: Bluse, beziehungsweise Hemd, reichen völlig aus. Abendkleid und Anzug kann aber natürlich tragen, wer Lust darauf hat, sich mal wieder richtig schick zu machen.

Ein Besuch dieser selten gespielten Oper bietet sich also für jeden kultululu_033rinteressierten oder einfach nur neugierigen Menschen an. Nur vier Aufführungen bis zum 24.2. Karten: 8-109 € unter www.staatsoper-hamburg.de

Wolfgang Wagner

(Foto: Monika Rittershaus)

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