Am 27.1. hatte Bertold Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ Premiere am Thalia Theater. Gabriela Maria Schmeide zeigte die gewinnsüchtige Courage als erstaunlich verletzbare Mutter.

Deutschland zur Zeit der Reformationskriege. Mutter Courage ist in Begleitung ihrer drei Kinder mit einem Trödelwagen aufgebrochen, um den Heeren in vermeintlich sicherem Abstand zu folgen. Sie will mit ihrem Handel am Krieg verdienen.

Dass das nicht ohne Verlust der Menschlichkeit funktionieren kann, ist die Botschaft von Brechts Theaterstück. Entstanden ist das Werk 1938/39 im schwedischen Exil. Die Uraufführung fand 1941 in Zürich statt, als sich durch den Zweiten Weltkrieg um die neutrale Schweiz herum schon unheimlich viel verändert hatte. In Hitler-Deutschland konnte ein Stück mit so klarer anti-militärischer Thematik natürlich nicht auf die Bühne kommen.

Schon in der ersten Szene wird deutlich, dass die Courage bestens mit dem Krieg leben kann, solange ihre Kinder unversehrt bleiben. Genau diese Bedrohung ist aber von Anfang an präsent.

Als zwei Offiziere versuchen, ihre beiden Söhne als Soldaten anzuwerben, baut sich die Courage schützend vor ihnen auf. Dieser starke, emotionale Moment erinnert in der Inszenierung von Philipp Becker an Käthe Kollwitz Bronze-Skulptur „Turm der Mütter“ von 1938.

Hier wie dort nutzen Mütter ihren Körper, um ihre Kinder vor dem Zugriff des Krieges zu wahren und sie zugleich daran zu hindern, den Verlockungen des versprochenen Heldentums zu folgen. Dabei ist die Wirkung ihres Ausgeliefertseins erschütternd, weil klar ist, dass man ihnen ihre Kinder mit Gewalt entreißen wird. Früher oder später.

Obwohl Brechts Theatertheorie vorsieht, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Rolle nicht verkörpern, sondern mit einer gewissen Distanz über einen Zeigegestus vorführen, ist Beckers Inszenierung deshalb in der Wirkung unmittelbar und berührend. Das ist auch der großartigen schauspielerischen Leistung von Gabriela Maria Schmeide zu verdanken.

Weil sich die Handlung vor dem Hintergrund der Religionskriege ereignet, die Europa im 17. Jahrhundert erschütterten, wirkt das Stück erstaunlich aktuell. Schließlich wurde der Zweite Weltkrieg mit Rasse-Ideologien geführt. Heute aber gefährden religiöse Fanatiker den Frieden in Europa und der Welt.

Für die zahlreichen Gesangsbeiträge mit der Musik von Paul Dessau, die in Zusammenarbeit mit Brecht zwei Jahre nach der Züricher Uraufführung in Los Angeles entstand, sorgt ein sechsköpfiges Ensemble unter der Leitung von Johannes Hofmann und der Kammerchor Altona.

Vorstellungen bis 23.6. Karten ab 10 € unter www.thalia-theater.de

Wolfgang Wagner

Foto: Krafft Angerer

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