Das Land hat eine spannende Geschichte, ist wegen seiner aktuellen politischen und religiösen Lage aber alles andere, als ein klassisches Urlaubsziel. Trotzdem erkundete die Eimsbüttlerin Helena Henneken es als Backpackerin und war positiv überrascht.

"Auf dem Weg nach Khuzestan" heißt dieses Foto. Es entstand während eines Ausflugs mit vor ORt kennengelernten Iranern. Dank deren Gastfreundschaft konnte Helena Henneken tiefe Einblicke in das Land nehmen.

„Auf dem Weg nach Khuzestan“ heißt dieses Foto. Es entstand während eines Ausflugs mit vor ORt kennengelernten Iranern. Dank deren Gastfreundschaft konnte Helena Henneken tiefe Einblicke in das Land nehmen.

Vier Frauen mit Säure angegriffen, weil sie zu locker gekleidet waren, 26-Jährige wegen angeblichen Mordes gehängt. Nur zwei aktuellere Meldungen aus dem Iran. Nachrichten wie diese, bestimmen unser Bild von dem Nah-Ost-Staat. „Das ging mir auch so, bis ich auf einer Reise durch Kirgistan und Usbekistan von anderen Reisenden hörte, wie interessant der Iran sei. Sie waren ganz begeistert, vor allem von den Menschen. Daraufhin begann ich mich mit dem Land zu befassen“, erklärt Helena Henneken. Sie las entsprechende Reiselektüre, führte viele Gespräche mit Exil-Iranern und erhielt andere Eindrücke vom Iran. Das Bild war so spannend, dass sie im vergangenen Jahr beschloss, ihn zu bereisen. Allein, denn niemand wollte mitkommen. „Meine Entscheidung hat in erster Linie Kopfschütteln hervorgerufen.“ Trotzdem, mit gemischten Gefühlen, aber ohne Angst, ging es los. Was sie dann vor Ort erlebte war so überraschend und prägend, dass sie es aufgeschrieben hat. Was zunächst nur als eigene Erinnerung gedacht war, wurde mit Hilfe von Freunden zu einem Buchprojekt. Neben Weltkulturerbe-Stätten und der fantastischen Landschaft – Helena Henneken stand in Reisfeldern mit Teeplantagen im Hintergrund, in unterschiedlichen Wüsten und grünsten Wäldern – war die Gastfreundschaft für sie am Bewegendsten. „Ich wurde unglaublich oft angesprochen. Eine westliche Frau mit Rucksack, die alleine reist, ist für viele im Land natürlich noch eine extreme Ausnahme“, erklärt die Globetrotterin. Deutschland wurde oft positiv kommentiert, „…von Goethe bis zur guten Qualität deutscher Produkte – und Bayern München war auch dort eine feste Größe.“ Mehrfach wurde sie zum Essen eingeladen, teils auch zu Übernachtungen. „Bei einer Familie bin ich vier Tage geblieben. Die Nähe war faszinierend, ein unglaubliches Geschenk.“Ein anderes Mal reiste sie per Auto mit 15 Iranern durch das Land. Das war kein Problem, denn viele junge Iraner sprachen gut Englisch. Überrascht hat sie auch, dass viele Frauen lockerer gekleidet waren als erwartet, vor allem in den Städten. Immer noch den Regeln entsprechend, aber perfekt gestylt und mit lässigem Kopftuch.  „Als Touristin war es für mich kein Problem durch das Land zu reisen, zumal die Menschen es mir unheimlich leicht gemacht haben, in das Land einzutauchen. Man muss sich aber immer klar machen, dass es für die Einheimischen auch die andere Seite gibt. Als ich dort war, schienen einige Dinge ein bisschen lockerer, die Frauen konnten Grenzen austesten. Gleichzeitig wurde mir berichtet, dass das Regime die Zügel auch immer wieder fester anziehen kann.“ Das habe sich vor einigen Monaten erst wieder gezeigt. „Es gab ein „Happy“-Video im Internet, in dem Männer und Frauen unverschleiert zusammen zu Pharrell Williams Song getanzt haben. Sie wurden inhaftiert“, so Henneken und berichtet, dass sie im Land auch von der brutalen Zerschlagung der Grünen Revolution vor einigen Jahren gehört habe, die anfangs so hoffnungsvolle Stimmung erzeugt hatte. „Nach wie vor werden Menschen gehenkt, Oppositionelle sind in Haft. Das erlebt man natürlich nicht als Reisende im Land.“ Aber man hört davon, auch von Perspektivlosigkeit. Das zeigte ein Gespräch mit einer 16-jährigen Schülerin, in perfektem American-English, obwohl sie nie in den USA war. „Wir wissen so viel von der Welt über das Internet und können nichts machen, haben so viel Energie und können sie nicht umsetzen“, erklärte sie der Hamburgerin und berichtete davon, dass bei Schülern aus ihrem Umfeld Depressionen zunehmen. „Irgendwie scheinen sich viele Iraner mit der Situation zu arrangieren. Dennoch habe ich gehört, wie stark Dinge wie die fehlende Meinungs- oder Religionsfreiheit stören und das Leben negativ beeinflussen, zudem gibt es eine große Wirtschaftskrise. Ich habe einen gewissen Stolz auf die eigene Jahrtausende alte Kultur und Geschichte erlebt – und gleichzeitig wiederholt den Wunsch, das Land verlassen zu wollen.“ Das gelte auch für die 16-Jährige. „Auf meinen Hinweis, du hast aber hier doch tolle Freunde und eine wunderbare Familie, sagte sie ‚If my People lived in another Country, they would rock‘. Dieser Satz brachte meine Erlebnisse der Reise irgendwie auf den Punkt und wurde deswegen zum Buchtitel!“ Henneken ist fasziniert, wie herzlich und lebensfroh, offen und interessiert ihr viele Iraner trotz allem begegnet sind: „Ich habe dort Freunde gewonnen. Nach keiner meiner vorherigen Reisen sind so viele bleibende Kontakte mit Einheimischen entstanden.“ Die möchte sie gerne wieder besuchen. Auch wenn sie mit mehr Fragen zurückgekehrt als hingefahren ist. Vor allem eines beschäftigt sie: Wie können die persönlichen Erfahrungen mit den Menschen vor Ort und das Image eines Landes so weit auseinander liegen? „Die negativen Nachrichten, die bei uns ankommen, stimmen ja. Kann ich davon aber auf ein ganzes Volk zurückschließen? Auf der Reise habe ich gelernt, wie wichtig es für mich ist, die menschliche Seite zu entdecken und mein Weltbild zu hinterfragen.“

 

Reist durch die ganze Welt: Helena Henneken. Kein Land zuvor hat sie so überrascht wie der Iran.

Reist durch die ganze Welt: Helena Henneken. Kein Land zuvor hat sie so überrascht wie der Iran.

Das Buch:

cover

Helena Hennken, Creative Coach, Kommunikationsberaterin und Weltenbummlerin, reiste Anfang 2013 allein mit dem Rucksack durch den Iran. Ihre Eindrücke, vor allem ihre Begnungen mit den Menschen, schildert sie in: „They would rock. 59 Tage Iran“, Verlag Gudberg, 2014, geb., 304 Seiten, 24,90 Euro

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