Fotografin Svenja von Schultzendorff: „Meine Bilder sind meine Sprache!“

Zärtlich, hübsch, gewalttätig, verstörend – so vielfältig ist die Bildsprache der Hamburger Fotografin Svenja von Schultzendorff. Dabei will sie nicht polarisieren, sondern ihre Gedanken und Gefühle ausdrücken. Eine Interpretation gibt sie nicht vor, die überlässt sie dem Betrachter.

Hanna Herzsprung, festgehalten von Svenja von Schultzendorff, die häufig als Setfotografin arbeitet. Mit vielen Schauspielerinnen und Schauspielern, die sie dabei trifft, entstehen später Projekte.Foto: Svenja von Schultzendorff
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Mit Daumen und Zeigefinger prüfe ich vorsichtig das milchig-weiß-durchsichtig-schimmernde Latex einer Fetischmaske. Weich und warm fühlt es sich an. Irgendwie gut. Leicht verschämt schaue ich in der La Caffeteria in Eppendorf nach rechts und links, aber kein anderer Gast scheint Notiz zu nehmen. Auch nicht, als knisternd aus einer großen Tüte ein blutiger Infusionsbeutel zum Vorschein kommt. Den fasse ich dann lieber nicht an. „Ist doch nur Kunstblut“, sagt Svenja von Schultzendorff lächelnd. Ein Glück, denn es tropft etwas heraus. Diese Dinge sind essentiell für ihre freien Arbeiten. Alles „No-Budget-Projekte“ die nur dank des Einsatzes und der Hilfe vieler Freunde wie der Visagistin und Maskenbildnerin Yasmin Iqbal möglich sind, mit der sie ein eingeschworenes Team bildet.
„Ich improvisiere viel, bin auch im Shooting trotz vorher überlegtem Skript und Vorgaben spontan und lasse gemeinsam mit der Person, die ich fotografiere, Geschichten entstehen. Mit Hilfe von Schminke und Requisiten, die ich sammele – OP-Kittel, neue Perücken aus dem Faschingssortiment, alte kaufe ich in der Staatsoper, Masken, große exotische Käfer, die ich mir leihe und vieles mehr.
Für ihre Fotos lässt sie sich teils von alten Meistern oder von modernen Künstlern wie Hausner mit seinem Werk „Roter Narrenhut“ inspirieren, aber vor allem von Filmen. Da kennt sich die Eppendorferin aus, denn ihr Leben finanziert sie in erster Linie mit der Film- und Set-Fotografie. „Deswegen wirken viele meiner Fotos wie Szenenfotos, nur viel inszenierter.“ Es gibt noch einen weiteren Vorteil: Svenja von Schultzendorff begegnet vielen Schauspielern. „Daraus sind schon viele Freundschaften entstanden, was in anschließenden Porträtfotos und gemeinsamen Projekten gipfelt.“ Die sind für sie in doppelter Hinsicht spannend, denn zum einen fragt die Fotografin sie, welche Rolle sie schon immer mal spielen wollten, setzt das um und bringt ihre eigenen Ideen und Sehnsüchte mit ein.
Denn es hätte nicht viel gefehlt und die Mutter dreier Kinder wäre selbst in Film und Fernsehen zu sehen gewesen. Quasi in Familientradition: die Mutter war semiprofessionelle Schauspielerin und der Vater Kameramann. Sie selbst hat in der Schule viel und gerne Theater gespielt. „Ich hatte den großen Wunsch Schauspielerin zu werden, aber mein Vater hat es mir ausgeredet und so wurde ich Fotografin. Ich fühle mich aber gar nicht so viel anders und bin mit Schauspielern seelenverwandt mit meinen Ideen und meiner Kreativität. Denn die meisten Schauspieler, denen ich begegne, sind Menschen, die sehnsüchtig nach Grenzen suchen und dabei gleichzeitig verspielt, aber auch sehr verletzlich sind. Das versuchen sie in ihrem Beruf zu kompensieren. So geht es mir auch.“
In den freien Projekten entstehen – das gilt nicht für die Porträt-serien – teils verstörende Bilder. „Bunt und kreischig und voller Rätselhaftigkeit“, sagt von Schultzendorff lächelnd. Faszinierend und mal was anderes und dabei nicht immer hübsch, finde ich. Ob sie damit polarisieren wolle, frage ich sie, beispielsweise mit dem Werwolf-Foto (siehe links). Pause. „Nein, in erster Linie mache ich die Fotos für mich, als Ausdruck meiner Fantasie. Und die ist stark von meiner Kindheit geprägt, mit Dämonen und wilden Tieren bei uns im Keller und Zurückweisung und Einschränkung in Elternhaus und Schule. Ich war immer ein bisschen zu laut, zu aufsässig.“ In dieser Zeit habe ich eine blühende Fantasie ausgebildet, die sogar mein Lehrer mehrfach ansprach. Ich verfüge heute noch über sie, und verarbeite vieles davon in meinen Bildern. Sie sind meine Sprache und ich bin besser in Bildern als in Worten. Trotzdem habe ich keine Botschaft an die Welt und erkläre meine Werke auch nicht. Das nimmt dem Betrachter zu viel, er soll sie selber interpretieren.“ Pause. „Wenn ich normale Fotos mache, Porträts für Kundinnen, fotografiere ich anders, da bin sehr frauensolidarisch. Alle Frauen wollen schön aussehen. Und das sollen sie auch.“

Kai Wehl

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