Regisseurin Meike Harten

Regisseurin Meike Harten

Die Poppenbüttler Regisseurin Meike Harten inszeniert in Winterhude mit „Der Vorname“ ein Theaterstück, bei dem ein gemütlicher Abend unter Freunden und Verwandten zur Farce wird. Er eskaliert, weil einer der Anwesenden behauptet, seinen Sohn Adolphe zu nennen …

Hamburg Woman: Der Name Adolphe suggeriert bei dem Titel des Stücks – „Der Vorname“ –, dass der Nationalsozialismus thematisiert wird. Inwiefern wird er das?
Meike Harten: In erster Linie wird er das gar nicht – er ist nur Mittel zum Zweck. Die Autoren haben geschickt ein Tabuthema gewählt, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Das klappt gut, weil Vincent, nach dem Namen seines ungeborenen Sohnes gefragt, spontan Adolphe sagt. Damit wird er seinen Freund, einen Literaturprofessor, provozieren. Das weiß er, und es gelingt sofort.
Was ist dann die Botschaft des Stückes?
Dass notwendige Kompromisse und Arrangements zwischen engen Freunden und Verwandten – ohne die ein gesellschaftliches Zusammenleben kaum möglich ist – auch mal hinterfragt werden sollten. Denn wir glauben zwar Menschen wie Geschwister oder den besten Freund in und auswendig zu kennen, weil man über Jahre sehr vertraut miteinander ist, aber stimmt das auch? Wir können nicht immer alles wissen oder wollen es auch gar nicht. Weil nämlich Freundschaft ein Balanceakt ist, zwischen verschweigen, wissentlich übersehen und ärgerrunterschlucken. Manchmal reicht ein kleiner Funke aus, um einen Brand zu entfachen alles gerät außer Kontrolle. Das passiert im Stück und führt zu skurrilen Streitigkeiten.
Eigentlich sollte man sich unter Freunden doch besonders ehrlich und gut streiten können.
Ja, aber wenn man ehrlich ist, ist das ja gar nicht so einfach. Denn wir sind nun mal alles Menschen und Menschen haben Macken und Fehler. Deswegen gehört zu einer engen Freundschaft Toleranz, die bedingt, den anderen so zu nehmen wie er ist. Dabei mutet man sich manchmal allerdings zu viel zu und schluckt Ärger runter, statt mal Dinge zu klären. Genau darum geht es im Stück, alle Beteiligten haben viel zu lange viel zu viel runtergeschluckt.
Was hat Sie an dem Stück gereizt?
Dass die Menschen auf der Bühne mehr als nur Freunde sind, weil sie sich so lange kennen und ihr Umgang miteinander für sie eine Selbstverständlichkeit ist. Umso intensiver wird dann der Streit bezüglich Grenzen und Rücksichtnahme. Das gefällt mir, genau wie die Tatsache, dass jeder Zuschauer ähnliche Probleme kennen wird. Das Identifikationspotential ist sehr hoch.
Was nimmt der Zuschauer mit nach Hause?
Erst mal des Erlebnis eines belustigenden Theaterstücks. Aber sicherlich auch Gedanken an den eigenen Freundeskreis und die Anregung vielleicht mal drei Schritte zurückzugehen, um diese Menschen, mit denen man eng verbunden ist, dann neu zu betrachten. Dabei wird man möglicherweise entdecken, dass der nicht ganz dem Bild entspricht, das man sich über die Jahre gemacht hat.

Beitragsbild: Das Stück um Streit und Lebenslügen lief schon erfolgreich Anfang des Jahres in Winterhude: Jodie Ahlborn (wird durch Sina-Maria Gerhardt ersetzt), Konstantin Graudus, Michael Lott, Benjamin Utzerath (liegend) und Vivien Mahler (v.l.). © Oliver Fantitsc
Text: Kai Wehl

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