Nicole Jäger wiegt 170 Kilogramm und ist Ernährungsberaterin in Eppendorf. Noch vor wenigen Jahren wog sie über 340 Kilogramm. Dem Alster Magazin erzählt sie ihre Geschichte.

HAMBURG WOMAN: Wie kann das sein, dass Sie erst mit einem Gewicht von 340 Kilo gemerkt haben, dass Sie abnehmen sollten – und nicht etwa mit 100, 200 oder 300 Kilo?
Nicole Jäger: Übergewichtig zu sein und abnehmen zu müssen oder es zu wollen ist eine superindividuelle Sache. Man geht bei Übergewicht ganz häufig davon aus: Derjenige sitzt nur herum, isst und bewegt sich nicht, deswegen wird er, weil er faul und ein bisschen dumm ist, immer fetter. Das ist nicht ganz so.
Ach was.
(lacht) Ja, überraschenderweise. Übergewicht ist ein Symptom und Essen ist die Waffe, die man nutzt, um sich zu verteidigen, zu belohnen, zu bestrafen. Ich habe im Alter von fünf mit der ersten Kur angefangen, habe eine Milliarde Diäten gemacht und hatte immer das Gefühl: Ich mache doch schon was. Es ging ja immer wieder Gewicht runter: schön dreißig Kilo runter, fünfzig rauf. Mit diesem Gefühl, doch schon was zu tun, rannte ich lachend in die Kreissäge.
Irgendwann bin ich morgens aufgewacht, hatte Herzrasen, mir war schwindelig und ich hatte Atemnot. Ich dachte so: Jetzt hab ich ‘n Herzinfarkt, geil. Später stellte ich mich das erste Mal nach Jahren auf die Waage. Dass es 340 Kilo waren – ich dachte, Menschen können gar nicht so viel wiegen.
Wie schafft man dann die Umkehr?
Ich hatte Todesangst, das ist ein ziemlich guter Motivator. Ich dachte tatsächlich: Wenn ich jetzt nichts mache, bekomme ich mit 30 einen Sarg zum Geburtstag. Ich bin ein relativ plietsches Mädchen. Ich dachte, meine Fresse, ich weiß doch, wie Essen funktioniert, ich weiß doch auch, wie Ernährung funktioniert. Da kann man drüber nachdenken, ob das Problem der Intellekt ist oder ob es eher die Psyche ist. Das ist ein Problem, über das man nicht gern spricht. Ich setzte mich mit der Thematik auseinander und guckte von der anderen Seite. Auf Psyche, Gehirn, Körper, Stoffwechsel. Ich änderte Kleinigkeiten und fing an mich zu bewegen.
Das ist ja ein sehr langfristig angelegtes Projekt. Wie kommt man damit klar?
Ich glaube – das ist auch das, was ich mit meinen Klienten immer bespreche – man muss halt irgendwann mal wissen, was man will. Ich glaube, wir machen uns generell zu wenig Gedanken darüber, warum wir etwas tun. Wir überschätzen den Faktor der Motivation und unterschätzen den Faktor Wissen. Vor allem auch Wissen darüber, wie es nicht funktioniert. Mittlerweile bin ich an einem Punkt, wo der Rückweg länger wäre als das Ziel.
Was ist denn das Ziel?
Ich möchte komplette Schmerzfreiheit. Je weniger ich wiege und je mehr Sport ich mache und je besser ich mich ernähre, desto besser geht’s mir körperlich. Wenn es um ‘ne Zahl geht, möchte ich gerne in den 125-Kilo-Bereich kommen. Es geht gar nicht darum, 70 Kilo zu wiegen, ich habe dann auch weit über 200 Kilo abgenommen, irgendwann muss auch mal gut sein.
Sie sind jetzt Ernährungsberaterin. Wenn nun Menschen zu Ihnen kommen und sagen: Ich hätte gern fünf Kilo weniger – haben Sie da nicht manchmal den Impuls zu sagen: Wie, das ist alles?

Nicole Jäger, „Die Fettlöserin“, rororo, 288 Seiten, 12,99 Euro.

Nicole Jäger,
„Die Fettlöserin“, rororo,
288 Seiten, 12,99 Euro.

Gar nicht. Ich kenne das Thema Gewicht ja nun aus dem Effeff. In dem Moment, wo man damit ein Problem hat, hat man ein Problem. Ich finde es tierisch despektierlich, zu sagen, dein Problem ist kleiner als meins. Wenn derjenige nicht glücklich ist, ist das das Problem. Daran muss man arbeiten, ganzheitlich.
Die Gesellschaft stellt ja gerade ans Äußere von Frauen oft absurde Ansprüche. Wie konnten und können Sie sich da Ihr Selbstwertgefühl erhalten?
Ich glaube, ich musste mir das erst mal antrainieren, weil mit meinem Gewicht auch mein komplettes Gefühl für Körperlichkeit, für Geschlecht, für alles wegging. Dafür war auch kein Raum mehr. Ich war einfach nur die Übergewichtige. Das musste ich mir erst mal zurückholen, auch zu wissen, was das heißt: Ich darf auch übergewichtig sein und ich bin übrigens auch eine Frau. Ich bin groß, blond und dick und wenn ich einen Raum betrete, dann bin ich da, dann gehen Schubladen auf, da werde ich reingeworfen, dann gehen die Schubladen wieder zu. Es nervt mich manchmal, denn es sagt sehr wenig über mich, aber sehr viel über mein Gegenüber aus. Es wird immer davon ausgegangen, die Fette kann nichts.  Ich muss mich da jedesmal von neuem rausarbeiten.

Foto: © Julia Löwe
Text: Christian Luscher

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