Die Griechin Linda Zervakis ist seit 2013 die erste Tagesschausprecherin mit Migrationshintergrund. Als ihre Eltern nach Deutschland kamen und sich in Hamburg-Harburg niederließen, fingen sie bei Null an. In ihrem Buch „Königin der bunten Tüte“ beschreibt die Hamburgerin ihren Lebenslauf von Anfang an– vom Kiosk in die Tagesschau.

Sehr reflektiert gewährt Linda Zervakis ihren Lesern und Leserinnen Einblicke in ihre Familiengeschichte und beginnt mit der Einwanderung ihres Vaters Christos und ihrer Mutter Chrissoula, genannt Chrissi. Als klassische Wirtschaftseinwanderer kamen sie ohne Deutschkenntnisse, dafür aber mit viel Hoffnung, einem Startkapital von 150 D-Mark und dem üblichen «Dreisatz der Immigranten: Koffer, Kühlschrank, Knoblauch».
Dass die Kindheit für Linda Zervakis und ihre Geschwister weiß Gott nicht nur aus den schönen Dingen des Lebens bestand, schildert sie einfühlsam mit viel Charme in ihrem Buch „Königin der bunten Tüte – Geschichten aus dem Kiosk“.
Linda teilte sich mit ihren beiden Brüdern ein Zimmer, ihre Eltern arbeiteten fünfzehn Stunden am Tag und der Kiosk – den ihre Eltern einem Deutschen abkauften – war ein Ort, den Sozialhysteriker heute als Brennpunkt bezeichnen würden. Bis zu ihrem dreißigsten Lebensjahr stand auch sie jeden Sonntag im Kiosk und schaute aus dem Fenster. Was sie in den Jahren alles gesehen hat, können wir nun nacherleben.
Sie wuchs in einer Siedlung auf, wo anstelle der ZEIT die BILD gelesen wird. „Die Süddeutsche Zeitung oder die ZEIT suchte man bei uns vergeblich, dafür gab es zu wenige Abnehmer in der Siedlung (…) und an manche Schlagzeile einer BILD kann ich mich noch erinnern, weil sie uns am frühen Morgen ein Lächeln ins Gesicht trieb.“ Linda Zervakis nimmt uns mit, in ihre ganz persönlichen Erinnerungen, erzählt beispielsweise von ihrem ersten Schwarm: „Er hinterließ mir schon in der vierten Klasse eine eindeutige Geste in meinem Poesiealbum: ‚Lebe froh und lebe heiter, küsse Buben und so weiter…‘ Die Anmache überforderte mich emotional, (…) meine Antwort stand tatsächlich zwei Wochen später in seinem Poesiealbum, ‚Erdbeer – oder Himbeertorte. Kuchen mag ich jede Sorte. Ich mag auch gerne Bienenstich, am liebsten aber mag ich dich.“
Weiter integriert sie gekonnt das Zeitgeschehen in ihre Geschichten, so dass wir schnell und einfach Parallelen ziehen können und wissen in welchem Zeitfenster wir uns gerade befinden: „Das Wahlplakat seines Namensvetters konnte Helmuts Laune an diesem Samstagvormittag auch nicht mehr retten….“
Mit ihrem authentischen und sehr persönlichen Buch gibt sie Einblicke in das Leben einer Migrantenfamilie, schafft Verständnis und Empathie und hilft damit vielleicht ein wenig, die Härte, die viele gegenüber Flüchtlingen verspüren, zu mindern. 

Linda Zervakis, rowohlt Verlag, 224 Seiten, Paperback, 14,99€
Foto: Marcus Höhn

Valeska

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