Unternehmerin Tina Heine: Lady Jazz

Hat während der Schulzeit Posaune und Orgel in der Kirche gespielt: Unternehmerin und Café-Besitzerin Tina Heine. 2007 erfand sie mit Nina Sauer das ELBJAZZ Festival.

Hat während der Schulzeit Posaune und Orgel in der Kirche gespielt: Unternehmerin und Café-Besitzerin Tina Heine. 2007 erfand sie mit Nina Sauer das ELBJAZZ Festival.

In diesem Jahr holt das ELBJAZZ Festival am 29. & 30. Mai bereits zum sechsten Mal nationale und internationale Jazzgrößen nach Hamburg. Zwei Tage lang „rocken“ sie den Hafen und machen die Stadt zum musikalischen Mittelpunkt Europas. Wir trafen die Festival-Erfinderin Tina Heine aus Rotherbaum.

Warum Jazz und nicht Popmusik, das wäre doch finanziell bestimmt viel lukrativer?

Aber langweilig … (lacht) Jazz ist einfach meine Musik. Ich höre sie, seit dem ich klein bin. Ich mag auch die Musiker – mit ihnen kann man gute Gespräche hinter der Bühne führen, durch die Bank sind sie alle geerdet und bescheiden. Auch die Stars haben keine Allüren. Beim Jazz ist alles so pur, das mag ich.

Gilt das auch für Gregory Porter? Er war beim ELBJAZZ 2014 der Star und es wurde viel Hype um ihn gemacht?

Er war ganz normal und bescheiden. Wir haben ihn schon vor ein paar Jahren zum ELBJAZZ geholt, als ihn in Deutschland noch keiner so richtig kannte.

Also habt ihr ihn groß gemacht.

Naja, wir haben ihn zumindest hier eingeführt. Festivals sind prädestiniert, Künstler zu präsentieren, die nur wenige kennen. Es passiert häufiger, dass nach ihren Auftritten ein Stein ins Rollen gebracht wird. Das war bei Gregory ganz sicher auch so.

Wie findest du solche Künstler?

Im Team. Wir gestalten das Programm zu dritt – die beiden Jazzjournalisten Götz Bühler, Klaus von Seckendorff und ich; manchmal auch Karsten Jahnke. Wir sind ganzjährig unterwegs, schauen uns auf anderen Festivals Bands an und spielen uns von ihnen anschließend Soundclips vor. Dann wird diskutiert und entschieden. Das ist gut so und garantiert Vielfalt, denn ich wollte nie ein „Heine-Festival“.

Schon viele Flops dabei gehabt?

(überlegt) Flop ist ein großes Wort. Nein, aber es gab natürlich Konzerte, die nicht ganz so aufgegangen sind wie erwartet. Vielleicht, weil man sie statt openair lieber drinnen, etwas konzentrierter hätte platzieren sollen. So etwas passiert schon.

Du hast das Festival ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

Ich habe bei mir im Hadley‘s (Heine ist die Inhaberin, d.Red.) einige Jahre lang montagabends Live-Jazz gespielt. Bis es ein Nachbar hat verbieten lassen. Es war immer picke packe voll und es kamen auch viele Leute, die nicht viel mit Jazz am Hut hatten, aber die Atmosphäre mochten. Es war so genial, dass ich mir mehrfach die Frage stellte, warum diese Musik ein Nischenprodukt ist und wie man den Menschen klarmachen kann, wie zugänglich sie ist. Die Antwort war ein Festival an einem besonderen Ort. In meiner „Rumspinnphase“ traf ich auf einer Party eine Event- und Konzeptentwicklerin, Nina Sauer. Zusammen haben wir das Projekt dann entwickelt.

Was haben die Leute der Szene und andere Veranstalter gesagt, dass da nun gerade zwei Frauen mit so einer Idee kommen? Schließlich ist die Musikszene eher Männerdominiert.

Total, das habe ich dann auch schnell gemerkt. Das sind alles coole Typen die ganz genau wissen wie alles geht … Ich glaube, dass Frauen im Gegensatz dazu einen echten Vorteil besitzen, uns ist es nämlich nicht peinlich, nach Dingen zu fragen und um Hilfe zu bitten. Dieses Nichtwissen, zuhören und gucken was geht, hat uns geholfen. Denn natürlich war die Skepsis anfangs groß und wir mussten kämpfen. Vor allem, als wir sagten, was wir wollen: ein großes und buntes Festival im Hafen, mit ganz vielen Bühnen, um Jazz populärer zu machen.

Also ging es dir in erster Linie nicht um das Geld, sondern darum, Jazz in die Stadt zu bringen.

Ich habe nie etwas verwirklicht, um Geld zu verdienen. Auch das Hadley‘s nicht. Zufällig hat sich die Chance ergeben, diese Räumlichkeiten mit einem Freund zusammen als Café zu betreiben. Mich hat vor allem die Vorstellung gereizt, einen Ort zu gestalten, an dem Leute zusammenkommen und sich kennenlernen. Natürlich muss ich damit auch Geld verdienen, weil es das ist, was ich mache. Aber Geld ist nicht der Motor. Beim Jazzfestival war es genauso. Trotzdem waren wir nicht naiv und haben ein tragbares Konzept erarbeitet.

Es scheint aufgegangen zu sein.

Ja. Vor allem, weil wir nicht nur reine Jazzfans ansprechen. Es macht mich glücklich auf dem Festivalgelände zu sehen wie happy und relaxt das Publikum ist. Egal ob Familien mit Kindern, Liebespärchen, die lieber mit einem Glas Wein in der Hand die Kräne betrachten statt Musik zu hören, oder, oder, oder … Das Publikum ist so abwechslungsreich wie die Bands, die spielen. Für jeden ist etwas dabei.

Was waren die größten Schwierigkeiten am Anfang?

Zu begreifen, wie komplex die Stadt funktioniert. Zumindest bei der Organisation eines solchen Festivals. Da gibt es ja nicht nur das das Bezirksamt, sondern auch noch die Behörde für Soziales und Umwelt, die HPA und einen Tag vor dem Event rief der Zoll an „Sie wollen im Freihafen eine Veranstaltung durchführen? Nicht ohne uns.“ Mir hat niemand gesagt, dass ich den Zoll bei einer Veranstaltung im Freihafengebiet ansprechen muss. Es war ein Start von 0 auf 100 und wir hatten keine Erfahrung damit. Wir haben dann Mitveranstalter gefunden – Karsten Jahnke und FKPScorpio –, Vollprofis, aber so ein Festival im Hafen war auch für sie Neuland. Und die Finanzierung über Sponsoren ist zu Beginn natürlich auch kompliziert. Vor allem vor dem ersten Festival. Das sieht inzwischen zum Glück anders aus.

Wie viele Festivals dieser Größenordnung gibt es in Deutschland?

Das ist schwer zu sagen, denn die Festivals lassen sich nur schwer vergleichen. Einige gehen eine Woche, andere sogar über einen Monat. Die Konzepte sind zu unterschiedlich. Unter den „Zweitagesfestivals“ gehören wir zu den größeren dieser Art in Europa. ELBJAZZ ist sogar ein bisschen Vorbild dafür, wie Jazz neu erzählt wird. Deswegen wurde ich schon oft zu Konferenzen eingeladen, selbst in New York, um zu berichten, wie wir neues Publikum erreichen. Es ist fantastisch, etwas verändern zu können.

Klingt gut: Hast du trotzdem noch Träume für die Zukunft?

Ja, dass das Festival noch stärker in der Stadt ankommt und die Hamburger es als ihr Fest bezeichnen! Da entwickelt es sich zum Glück schon hin, zumal das Programm auch vermehrt auf beiden Elbseiten stattfindet. Irgendwann soll die ganze Stadt brennen und jeder wissen „ELBJAZZ ist in der Stadt“. Kai Wehl

Infos zum Festival sowie alle Künstler und Termine auf www.elbjazz.de

Kai Wehl

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