Strippenziehen für die Karriere – das bieten Frauen-Netzwerke. Doch viele Frauen nutzen diese Chance für eine gezielte Berufsplanung durch eine effektive Kontaktpflege nicht. Woran liegt das eigentlich?

Beziehungen und Kontakte sind zweifelsohne wichtige Erfolgsfaktoren. Wer die Karriereleiter nach oben steigen will, muss die richtigen Leute kennen – oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Knapp die Hälfte aller offenen Stellen wird über persönliche Netzwerke vergeben. Frauen könnten viel stärker von diesen Netzwerken profitieren. Aber sie tun es trotz der vielen Zirkel nicht, die für die Einzelunternehmerin bis zur Managerin eines Konzerns den passenden Rahmen bieten.
Ein Grund dafür ist die tief verwurzelte „Lieschen-Mentalität“. Lieber am Schreibtisch sitzen und das Projekt zu Ende bringen, als die Zeit in einen Netzwerkabend zu investieren. Doch dieser Perfektionismus in der Hoffnung, dass großartige Leistung von anderen gesehen wird, bringt häufig nicht den gewünschten Erfolg. Denn was hat „Lieschen“ davon, wenn der avisierte Job von jemand anderem besetzt wird? „Viele Frauen glauben immer noch, dass sie erst die Arbeit erledigen müssen, statt sich Zeit für ihre Berufsplanung zu nehmen“, sagt Unternehmensberaterin Martina Plag. Sie gründete vor vier Jahren die Woman`s Business Lounge (WBL) mit dem Ziel, dass Frauen sich gegenseitig unterstützen. Die Netzwerkabende mit wechselnden Vorträgen über die passenden Business-Klamotten bis zum Stimmtraining für erfolgreiches Auftreten bieten Kontaktpflege in lockerer Atmosphäre. „Ach, ich wusste ja gar nicht, wie toll das hier ist und wie leicht man ins Gespräch mit anderen Frauen kommt“, lautet dann oftmals die verblüffende Erkenntnis von Erstteilnehmerinnen.

Rückhalt in beruflich schwierigen Zeiten
Das zeigt: Speziell Frauen-Netzwerke helfen, Berührungsängste abzubauen und ohne Zögern von den Erfahrungen anderer Frauen zu profitieren. Denn darum geht es: Sich Rückhalt in beruflich schwierigen Zeiten zu holen, sich über die eigene Karriereplanung auszutauschen und die Suche nach Personal in solchen Zirkeln zu aktivieren. Gerade in Frauen-Netzwerken ist die Solidarität hoch. Für Frauen in Führungspositionen sind sie oft der einzige Rahmen für den vertrauensvollen Austausch untereinander. Und dennoch werfen Frauen ihre Netze immer noch zu zögerlich aus.

Männer machen Geschäfte auf der Toilette
Vielleicht liegt es daran, dass dem weiblichen Geschlecht die jahrtausendalte Tradition der Männer fehlt. Die kungelten in ihren Clubs und Wirtschaftsvereinigungen und schlossen bei Whisky und Zigarre ihre Geschäfte. Für Frauen blieben die Türen verschlossen. Bis sie anfingen, ihre eigenen Karriere-Netzwerke zu gründen. Unabhängig von dieser Entwicklung gehen Männer beim Ausloten beruflicher Perspektiven einfacher vor. Der Kurz-Talk findet auf der Toilette, abends in der Kneipe oder auf dem Golfplatz statt. Männer scheuen sich auch nicht, ihren Sitznachbarn aus der Grundschule nach 30 Jahren anzurufen, wenn der nun im Vorstand eines großen Unternehmens sitzt. „Hey, Kalle. Lang nichts gehört. Wie geht`s denn so. Man, aus Dir ist ja echt was geworden. Sag mal, wollen wir uns auf ein Bier treffen?“. Frauen ist dieses platte Anbaggern für den eigenen Karriereschub nach so vielen Jahrzehnten des Schweigens eher peinlich. Diese Kumpanei ist ihnen fremd. Sie haben es nicht gelernt. Heide Simonis, ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, hat ihre eigenen bitteren Erfahrungen gemacht. Denn wenn sie am späten Abend nach einem Meeting nach Hause fuhr, machten die Männer im Hinterzimmer die wahre Politik und kungelten ihre Deals aus. „Die Seilschaften der Männer funktionieren perfekt. Wenn einer oben ist, zieht er den anderen hinterher. Da wird keiner fallen gelassen“, sagte Heide Simonis anlässlich einer Netzwerk-Veranstaltung für Frauen.

Visitenkarten-Partys sind out
Das Prinzip von Geben und Nehmen ist Motor für eine erfolgreiche Netzwerkarbeit. Das hat auch mit Großzügigkeit zu tun. Das ist nicht nur Zeit, sondern das sind auch Wissen und Information. „Wer nur konsumiert und sich nicht aktiv einbringt, bekommt auch nicht das, was er in einem Frauen-Netzwerk sucht. Nur wer sich engagiert, wird auch gesehen und kann von Kontakten langfristig profitieren“, so Anette Handt vom Verband Schöne Aussichten. Die Kommunikationsberaterin aus Fuhlsbüttel hält daher auch nichts von Frauen, die nur ihre Visitenkarten unter das Volk bringen wollen. Diese Partys mit der Hoffnung auf die schnelle Mark, wenn man nur genug Visitenkarten in kurzer Zeit verteilt, sind ohnehin out. Denn diese flüchtigen Kontakte haben keinerlei nachhaltigen Wert für eine gute Geschäftsbeziehung.

„Mädchen-Gedeck“ für wenig Geld
Das mag sich in der Frauenwelt schon herum gesprochen haben – nicht aber die Erkenntnis, auch Geld in eine effektive Netzwerkpflege zu investieren. Das fängt beim Essen an. Während Männer bei ihren Geschäftskontakten ein fürstliches Drei-Gänge-Menü verspeisen, bestellen sich Frauen das „Mädchengedeck“: Mozzarella mit Tomate und dazu eine Weißweinschorle. Oder könnte man nicht doch einfach den Salat kurz vor dem Computer essen und dabei die Mails lesen, statt sich mit einer Frau aus dem Netzwerk zu treffen? Die Organisatorinnen von Frauen-Netzwerken können da ein Liedchen mitsingen, wenn sie für den Netzwerkabend im eigens angemieteten Veranstaltungsraum eines Hotels mit Buffet und Getränken für die Damen 24 Euro von jeder verlangen – und dann gefragt werden, ob das denn so teuer sein muss. „Frauen haben keine Netzwerkkultur“, bringt es Rena Bargsten auf den Punkt, die lange Jahre als Deutschland-Präsidentin für European Woman´s Management Development (EWMD) aktiv war. Die Hamburger Unternehmerin plädiert für ein stärkeres Netzwerken über die Grenzen des eigenen Verbandes hinaus. „Gemeinsam sind wir stärker und können Synergien nutzen. In Wirtschaft und Politik bekommen wir Gehör, wenn wir mehr PS auf die Straße bringen.“

Nicola Sieverling

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