Für die documenta 14 hat die Künstlerin Anna Bromley zusammen mit Brandon LaBelle ein Radioprogramm mit dem Titel „Das Lachen des Hyposubjekts“ erarbeitet. Im Interview erklärte sie uns, was den Moment des Lachens besonders authentisch macht.

HAMBURG WOMAN.de: Frau Bromley, Sie sind seit 2017 Stipendiatin des Hamburger Karriere-Kompetenzzentrums Pro Exzellenzia. Wie kam das?

Anna Bromley: Pro Exzellenzia unterstützt Hamburger Frauen in strategischen Entscheidungen während und nach ihrer Dissertation. Die Hochschule für Bildende Künste, an der ich promoviere, gehört zu den Partneruniversitäten. Für das Stipendium, das die Schreibphase unterstützt, habe ich mich beworben und konnte überzeugen.

Sie stammen aus Berlin, haben in Bremen studiert. Was unterscheidet Hamburg von diesen Städten?

Dass man in Hamburg den Hafen sieht, gibt der Stadt etwas Pragmatisches. In Bremen und Hamburg spürt man die Handelsmentalität und die Leidenschaft für logistische Themen. Diese verursachten aber auch ihre problematische Kolonialgeschichte.

Welche Projekte haben Sie bisher in Hamburg gemacht?

Hamburg ist für mich eigentlich eher der Ort, an dem ich zur Ruhe komme, zum Nachdenken und zum Spazieren. Als Künstlerin arbeite ich da, wo mir Budgets und institutionelle Unterstützung angeboten werden. Also bin ich viel international unterwegs. Vor einigen Jahren hat mich das Berliner Kunstradio reboot.fm eingeladen, eine monatliche Sendung bei ihnen zu machen. Die Redaktion, deren Temperament mich immer wieder fasziniert, ließ mir freie Hand und hat mich mit dem Radiovirus infiziert! Und die haben immer einen Koffer für mich in Berlin.

Nun zu Ihrem Beitrag auf der documenta. Wie hat sich Ihre Teilnahme ergeben?

Aus meiner Radiopraxis! Meine Sendung beschäftigt sich mit Fragen, die sich auch die diesjährige documenta stellt: Wie kann Kunst philosophisch werden? Welche Formen mischen sich in politische Debatten ein oder erzeugen selbst welche? Einer der documenta-Kuratoren, Bonaventure Soh Bejeng Ndikung mag meine Projekte offensichtlich. Zusammen mit dem Deutschlandfunk-Redakteur Marcus Gammel hatte er die Idee, eine Radiostation als auditiven documenta-Ort zu kuratieren. Und schließlich kam es zu dieser Einladung.

Was hat es mit dem titelgebenden Hyposubjekt auf sich?

Das ist eine Frage, die wir uns im Verlauf des Programms selbst gestellt haben! Wir sind ihm sozusagen als einer philosophischen Metapher auf den Fersen. Das Hyposubjekt bleibt unterhalb einer Kommunikations-Schwelle, die heutzutage als wichtig gilt. Das macht es visionär, denn wir sind es schon gewohnt, dass unterschiedliche Medien uns ganz charmant alle möglichen Selbstoptimierungen unterjubeln möchten. Anders, als die konstruierten Wirklichkeiten oder Hyperrealitäten, die uns bei Facebook und Twitter als erstrebenswert präsentiert werden, macht sich das Hyposubjekt unsichtbar. Die Frage, die es uns stellt, ist: Wie können wir uns in Zeiten der Supersichtbarkeit auf das beziehen, was wir unterhalb der Beeinflussungsmaschine selbst erleben, fühlen und denken?

Und was hat es mit dem Lachen des Hyposubjekts auf sich?

Uns interessiert das Lachen als eine der Bastionen von analogen Begegnungen und Situationen. Erheiterungen nehmen unseren Körper ein. Wir fühlen, wie das Lachen in uns aufsteigt, wie es uns manchmal befreit.

Wie viele Menschen sind an der Produktion beteiligt?

Sie ist wirklich aufwendig! Im Studio, in dem ich sonst Radio mache, ist immer eine Technikerin mit dabei. Am Radiostudio, das die documenta 14 bauen ließ, arbeitet ein ganzer Studiengang aus der Bauhaus Universität Weimar mit. Unterstützt von Deutschlandradio Kultur und documenta-Produktionsbüro betreiben die Studierenden das Studio.

Was bietet Ihnen das Radio-Format im Unterschied zu anderen Kunstformen?

Radioprogramme sind situative, zeitliche Abfolgen. In der Live-Moderation kommt es auf sensible Fragen an und auf eine präsente Stimme, die sich gastlich anfühlen muss. In Interview-Sendungen, wie ich sie mache, formen sich Texte beim Sprechen. Mit meinen Gästen kann ich Gedanken modellieren und noch ein bisschen roh anrichten. Mein Publikum, das ich ja weder sehe noch kenne, kann beim Aufräumen, Kochen oder Joggen zuhören.

Welche Projekte machen Sie sonst noch dieses Jahr?

Im Herbst stelle ich in Eberswalde bei Berlin aus. Diese Einladung hat mich sofort interessiert, denn als ich am Ost-Berliner Stadtrand aufgewachsen bin, habe ich das ländliche Brandenburg als unangenehm fremdenfeindlich und antisemitisch erlebt. Eberswalde ist die Stadt, in der 1990 Antonio Amedeu von rechten Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde. Gemeinsam mit der Antonio-Amadeu-Stiftung engagieren sich die Bürger dort heute gegen Rassismus. Ich bin gespannt auf die Menschen, die sich trauen, dieser unfassbaren Gewalt die Stirn zu bieten! Vorher gibt es in der italienischen Galerie Riss(e) in der Nähe des Lago Maggiore noch Zeichnungen von mir zu sehen. Mit der brasilianischen Künstlerin Deborah Hirsch und dem argentinischen Künstler Martin Larralde reflektiere ich auf das Kritzeln, das unsere Installationen und Performances eigentlich immer begleitet. Das Denken in impulsiven Linien zwischen handschriftlichen Kommentaren habe ich für meine documenta-Arbeit wiederentdeckt. Abwechselnd haben Brandon LaBelle und ich an einer Wand einander Stichworte aus unseren Sendungen hinterlassen, die sich gegen abstrakte Flächen behaupten mussten. Diese Topografie, wie wir sie nennen, begann ihr Eigenleben zu führen. Apropos Eigenleben: Meine künstlerischen Erforschungen füttern auch die Doktorarbeit, an der ich zurzeit schreibe. In ihr geht es darum, was ansteckende Albernheit mit uns macht.

Wir wünschen für alle Projekte viel Erfolg!

Der Sender des documenta14 Radios SAVVY FUNK hatte am  7.7. die letzte Sendung. Nun wird das Programm bis zum 28.7. in Rio de Janeiro fortgeführt. Die Sendungen werden schrittweise als Podcast aus Mixcloud und Voice Republic veröffentlicht – auch Bromleys Programm kann dann in der Mixcloud von SAVVY FUNK aufgerufen werden.

Text: Wolfgang Wagner

Foto: Stefan Müller

Das Hamburger Karriere-Kompetenzzentrum Pro Exzellenzia ist ein Programm zur Förderung von Frauen in Führungspositionen unter der Leitung von Anne-Kathrin Guder und Doris Cornils. Im März 2017 wurde die finanzielle Förderung aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und der Stadt Hamburg bis 2020 sicher gestellt.

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