Die Hamburgerin Sandra Quadflieg hat wieder mit prominenter Besetzung einen Briefwechsel vertont. Diesmal  mit Katharina Thalbach. Die beiden Schauspielerinnen lesen, was sich Publizistin Hannah Arendt und die Frauenrechtlerin Mary McCarthy ab 1949 zu sagen hatten. HamburgWoman.de wollte wissen, wie es dazu kam.

  1. Deine dritte Art der dieser Produktion. Wie auf den Stoff/Thema gekommen?

Mein erstes Hörbuch Mein Vater Gottfried Benn habe ich gemeinsam mit Otto Sander eingesprochen und mein zweites Hörbuch Nichts fehlt – außer Dir mit Ulrich Tukur und genau dort bin ich mit dem jetzigen Stoff das erste Mal in Berührung gekommen. Es war der Tag meiner Premierenlesung von Nichts fehlt – außer Dir, dem Briefwechsel einer außergewöhnlichen Liebe zwischen Claire und Yvan Goll im St. Pauli Theater. Bei der anschließenden Autogrammstunde sagte eine Zuschauerin zu mir: „Ich kenne nur einen einzigen Briefwechsel, der genauso brillant ist wie dieser hier, der zwischen Hannah Arendt und Mary McCarhy – Er heißt Im Vertrauen!“ Noch in der selben Nacht googelte ich danach, manchmal hat man so ein Gefühl… Ich stellte fest, dass dieser Briefwechsel noch nie vertont wurde. Das weckte mein Interesse. Sofort bestellte ich mir das Buch. Als ich es kurz darauf in der Hand hielt und die erste Seite aufschlug, las ich das Zitat von Hannah Arendt: „Man kann nicht sagen, wie das Leben ist, es sei denn, man erzählt die Geschichte.“ Und ich wusste in diesem Augenblick, dass ich diese Briefe vertonen würde.

  1. Was fasziniert dich an diesen beiden Frauen?

An diesen beiden Frauen faszinierte mich besonders, dass sie nicht nur leidenschaftlich dachten, sondern auch leidenschaftlich lebten. Es fesselte mich, wie sie ihr künstlerisches Leben bewältigten, wie offen sie miteinander über alles im Vertrauen sprachen und wie scharfsinnig sie ihre Gedanken dabei formulierten. Hannah Arendt faszinierte an Mary McCarthy übrigens, dass sie sich das Staunen des Kindes bewahrt hat, das entdeckt, dass der Kaiser keine Kleider anhat; Mary bewunderte Hannah als den einzigen Menschen, „dem sie beim Denken zugeschaut“ hat. Und ich fand es spannend, ihnen „heimlich“  bei diesem beispiellos offenen Dialog zuzuhören.

  1. Was ist das Besondere an diesem Briefwechsel?

Das Besondere ist, dass hier zwei Menschen aufeinander trafen, die gegensätzlicher nicht hätten aufwachsen können: Judentum und Katholizismus, deutsche Universitätstradition und amerikanisches Upper-Class-College, das Amerika des New Deals und das Deutschland des Nationalsozialismus`. Und dennoch oder vielleicht genau deshalb war ihr Austausch so unvergleichbar inspirierend, ehrlich, tiefgründig und berührend. Sie schrieben sich über 25 Jahre lang Briefe: Dokumente eines unverbrüchlichen Vertrauens, zugleich ein beispiellos offener Dialog zweier intelligenter Frauen, die beherzt und unvoreingenommen über alles sprachen, was sie bewegte: Politik, Moral, ihre Männer, ihre Bücher und ihre Träume.

  1. Nicht erst durch Halle rückt das Thema Antisemitismus in den Fokus. Spielt der zwischen den beiden Frauen eine Rolle in den Briefen?

Oh ja! Sehr sogar! Hannah Arendt war Jüdin und begleitete als Autorin für eine Zeitung den Eichmann Prozess. In den Briefen erlebt man hautnah, wie erschütternd die damaligen Ereignisse wirklich waren. Die beiden Frauen sprachen häufig darüber, weil es sie verständlicherweise sehr bewegte.

Auch dafür mache ich diese Hörbücher, um gegen das Vergessen anzukämpfen! Es ist erschreckend und ich verachte es zutiefst, dass Antisemitismus auch heute immer noch ein Thema ist! Der Populismus hat durch seine ausgrenzende Sprache den Hass in der Gesellschaft wieder nach oben gespült. Das zeigt sich im täglichen Miteinander und gipfelt in so schrecklichen Taten wie Halle oder Christchurch.

  1. Gibt es eine Botschaft, oder nur Unterhaltung – was ja auch gut ist?

Wenn ich eines gelernt habe, nachdem ich mich seit so vielen Jahren mit Biografien beschäftigt habe, dann, dass im Leben die Würfel jeden Tag aufs Neue fallen. Und dass sich doch über kurz oder lang Träume erfüllen! Dass nach Jahren der Durststrecke auch Jahre des Glücks folgen. Das Leben besteht eben aus Licht und Schatten und nur, wer das eine kennt, kann auch das andere wertschätzen. Und genauso war es auch im Leben von Hannah Arendt und Mary McCarthy.

  1. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Katharina Thalbach?

Als ich die Originalbriefe zum ersten Mal las, hatte ich sofort Katharina Thalbachs Stimme im Ohr. Ich wollte schon immer mit ihr zusammenarbeiten und war überglücklich, dass sie sofort bereit war, den Part von Hannah Arendt zu übernehmen. Als ich Kathi dann zum ersten Mal persönlich traf und in ihre verschmitzten Augen sah, war das Eis sofort gebrochen. Wir verstanden uns auf Anhieb und die Arbeit mit ihr war großartig! Ich hätte keine bessere Partnerin für dieses Projekt finden können. Wir lachten, tauschten uns angeregt aus und es war, als wären wir nicht nur Kolleginnen, sondern schon seit vielen Jahren Freundinnen.

  1. Gibt es schon Pläne für ein nächstes Projekt dieser Art?

Ja, die gibt es in der Tat! Es ist auch kein Zufall, dass dieses Hörbuch optisch dem Layout meines vorigem Hörbuchs ähnelt. Das liegt daran, dass Random House Audio mit mir eine Reihe plant. Mehr darf ich aber noch nicht verraten, nur so viel, Kulturinteressierte dürfen sich freuen!                            Kai Wehl

Wir verlosen 3 Exemplare des Hörbuches. Wer eines gewinnen möchte, der sendet bis zum 15.11. eine E-Mail mit dem Stichwort „Vertrauen“ an k.wehl@alster-net.de.

Im Vertrauen, Sandra Quadflieg und Katharina Thalbach lesen Briefe von Hannah Arendt und Mary McCarthy, Random House Audio, 19.99€

Foto oben: Katharina Thalbach und Sandra Quadflieg bei Aufnahmen zu „Im Vertrauen“ Quadflieg hat 2006 mit Otto Sander Briefe von Gottfried Benn und 2017 mit Ulrich Tukur einige von Claire und Yvan Goll als Hörbücher eingesprochen.

Foto: Anita Back


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