Dr. Anna Joss ist gerade zur neuen Leiterin des Denkmalschutzamtes der Behörde für Kultur und Medien berufen worden. Sie tritt die Nachfolge von Andreas Kellner an, der in den Ruhestand gegangen ist. Joss war zuletzt stellvertretende Leiterin des Denkmalschutzamtes und Leiterin des Referats Bau- und Kunstdenkmalpflege. Wir wollten von ihr wissen, was ein Denkmal ausmacht und welche Herausforderungen es in der Stadt gibt.

 

HAMBURG WOMAN: Glückwunsch zu ihrem Aufstieg zur Leiterin des Denkmalschutzamtes . Was reizt Sie an der Aufgabe?

DR. ANNA JOSS: In dieser Position kann ich mich dafür engagieren, dass auch kommende Generationen von Bewohner*innen und Besucher*innen der Stadt die Baukultur Hamburgs erleben können.

Was sehen Sie als größte Herausforderung in der Hansestadt an?

Ähnlich wie in anderen Großstädten Europas ist der Erneuerungsdruck auf den Baubestand auch in Hamburg enorm. Die Stadt kann stolz sein auf ihre vielfältigen Denkmäler, wobei es besonders herausragende Gebäude und Anlagen aus der Zeit des 20. Jahrhunderts gibt. Gerade ihnen müssen wir unser besonderes Augenmerk schenken, dass sie gepflegt und erhalten werden.

Um Denkmalschutz gibt es ständig Diskussionen. So sagte 2009 Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter, angeblich kein Fan der 70er-Jahre, bezüglich des Abrisses eines Hochhauses an der Alster: „Es gibt Fehler im Stadtbild, die muss man korrigieren.“ Das Denkmalschutzamt stellte sich quer. Nach welchen Kriterien wird so etwas entschieden – also was macht ein Haus denkmalwürdig – und wer hat das letzte Wort?

Das Thema Denkmalschutz ist den Hamburgerinnen und Hamburger nicht gleichgültig und deshalb wird darüber auch diskutiert. Das ist wichtig und richtig.

Was ein Gebäude oder ein Garten zu einem Denkmal macht, ist im Denkmalschutzgesetz definiert: Die Erhaltung muss wegen der geschichtlichen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Bedeutung oder zur Bewahrung charakteristischer Eigenheiten des Stadtbildes im öffentlichen Interesse liegen. Für die Erklärung zum Denkmal ist bereits einer dieser Gründe hinreichend. Entscheidend ist also nicht, ob es sich um ein besonders schönes Gebäude handelt. So kann beispielsweise auch ein Bunker geschichtliche Bedeutung als Dokument des Zweiten Weltkrieges besitzen. Wichtig dabei ist: Das Denkmalwürdige hört nicht an der Fassade auf: Auch das Innere eines Gebäudes ist schützenswert.

Besteht nicht immer auch die Gefahr, dass der auch durch den Zeitgeist geprägte persönliche Geschmack der Denkmalpfleger*innen eine zu entscheidende Rolle spielt?

Die Erfassung und Erforschung der Denkmäler liegt in den Händen von kunst- und bauhistorisch ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern; damit sind professionelle Entscheide gewährt. Die Bewertung eines Objekts als Denkmal erfolgt in der Regel nach Besichtigung vor Ort sowie nach Auswertung von Quellen wie Bauakten und Literatur. Wie in jedem Fachbereich – sei es in der Medizin oder im Denkmalschutz – gibt es natürlich auch immer wieder neue Forschungserkenntnisse, die in die Arbeit einfließen.

In Ihrer Behörde werden Denkmäler ja auch bewertet. Nennen Sie doch in dieser Hinsicht Ihre drei persönlichen Denkmal-Highlights der Stadt und warum Sie diese für so besonders erachten?

Wie gesagt ist gerade die Vielfalt der Denkmäler in Hamburg das Faszinierende.

Was ist das „Label“ Denkmalschutz wert, Beispiel City-Hof, der seit 2013 unter Denkmalschutz stand. Laut Experten ein herausragendes Beispiel für den Wiederaufbau Deutschlands. Jetzt sind die Hochhäuser weg. Wie bewerten Sie den Fall – ein Fehler im Nachhinein?

Der Entscheid zum Abriss und Neubau wurde im Rahmen der Interessensabwägung getroffen, die im Denkmalgesetz vorgesehen ist. Als Kunsthistorikerin finde ich es interessant, zu schauen, wie die Abwägung in – sagen wir 10, 20 Jahre beurteilt wird, also aus zeitlicher Distanz. Fragen Sie mich also dann nochmals.

Es ging dabei auch um finanzielle Interessen der Stadt – wäre bei einem privaten Grundstücksinhaber auch so gehandelt worden? Schwer vorstellbar  …  können Sie den Unmut von Eigentümern verstehen, die selber ihre denkmalgeschützten Häuser nicht einmal umbauen dürfen? Wie gehen Sie mit derartigen Problemen um?

(Nicht beantwortet)

Sie waren auch in Zürich aktiv, worin bestehen die Unterschiede zwischen Zürich und Hamburg?

Wenn ich die beiden Städte vergleiche, fallen mir die Gemeinsamkeiten mehr auf als die Unterschiede: der Erneuerungsdruck auf den Baubestand – überraschenderweise auch in besonderem Maße in den Innenstädten, die doch sozusagen „fertig gebaut“ erscheinen; die Wohnungsbau-Offensiven, das verdichtete Bauten usw.

Wie ist es im Hamburg bestellt? Die Stadt hat 12.300 Denkmäler – ist das im Vergleich zu anderen Städten eher viel oder wenig?

Das mit der Vergleichbarkeit der Zahlen ist so eine Sache. Es kommt immer darauf an, wie gezählt wird, z.B. zählen manche Städte eine Wohnsiedlung als ein Denkmal und manche jeden Hauseingang der Siedlung als Denkmal etc. Demzufolge sind die Zahlen verschieden. Ich finde es ist viel interessanter, sich mit den Geschichten der einzelnen Denkmäler und der Baukultur in Hamburg zu beschäftigen als mit der Anzahl der Objekte.

In diesem Jahr feiert das Hamburger Denkmalschutzgesetz seinen 100. Geburtstag, 2013 wurde es novelliert. Ist es jetzt gut, oder bedarf es einer weiteren Anpassung?

Das erste Gesetz Hamburgs von 1920 war ja ein „Denkmal- und Naturschutzgesetz“. Wie vielerorts in Europa wurde Ende 19., Anfang 20. Jahrhundert Denkmalschutz und Naturschutz in einem Gesetz behandelt. Das zeigt, wie sehr der Schutz von Gebäuden und Landschaften damals zusammengedacht wurde und es macht durchaus auch Sinn, heute gemeinsam für bestimmte Anliegen zu werben. Eigentlich wollten wir in diesem Jahr im Rahmen des 100-Jahre-Jubiläums daran erinnern und hoffen nun, dass wir dies nach dieser außerordentlichen Corona-Situation noch nachholen können.

Eine Prognose, welches der in den vergangenen fünf Jahren entstandenen Gebäude in Hamburg erfüllt aus Ihrer Sichte die Voraussetzungen, in Hamburg später einmal als Denkmal anerkannt zu werden?

Zur professionellen Bewertung, ob ein Gebäude denkmalwert hat oder nicht, gehört eine gewisse zeitliche Distanz. In der Regel wartet man mehrere Jahrzehnte damit. Gegenwärtig schauen wir uns gerade die „junge“ Baugeschichte Hamburgs an und prüfen bei rund 700 Objekten aus der Zeit 1975-1995, ob wir einzelne davon in die Denkmalliste aufnehmen. Kai Wehl

 

Zur Person: Dr. Anna Joss – 1979 in der Schweiz geboren – studierte Allgemeine Geschichte, Kunstgeschichte und neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich und wurde dort 2014 promoviert. Sie war zunächst Projektleiterin Denkmalpflege im Amt für Städtebau der Stadt Zürich und übernahm im Anschluss daran dort die stellvertretende Leitung der Denkmalpflege. 2018 übernahm sie die Leitung des Referats Bau- und Kunstdenkmalpflege sowie die stellvertretende Leitung des Denkmalschutzamtes Hamburg. Seit April 2020 ist sie Amtsleiterin des Denkmalschutzamtes Hamburg.

Foto: Philip Böni