Die Wellingsbüttlerin Ursula Willer hat in einem Buch ihre Erinnerungen an ihre Kindheit im Rostock des Zweiten Weltkriegs und ihre Jugend beschrieben. HAMBURG WOMAN sprach mit ihr über die Aufarbeitung von Geschichte und die Schwierigkeit, sich in Wirtschaftswunderzeiten als Frau selbst zu verwirklichen.
„Es hat sich alles so angesammelt. Es ist bei uns Alten so, dass wir mit unseren Gedanken zurückgehen. Wir haben ja im Grunde die Kriegs- und Nachkriegszeit nie aufgearbeitet. Keiner. Weder meine Eltern, noch wir als Nachgeborene. Irgendwann bricht es ja hervor.“ So erklärt Ursula Willer den Anlass für die Veröffentlichung ihres Buches „Jahre wie damals – 1935-1951“. Und noch eine andere Beobachtung war Auslöser für das Werk: „Ich merke an meinen Enkeln – die wissen ja noch nicht einmal mehr vom Mauerbau! Von Hitler wissen sie, aber dann hört das auch schon auf. Ich dachte, für die Enkel schreibst du das jetzt.“
Nicht nur ihre Enkel, sondern alle Interessierten können in den Erinnerungen jetzt lesen, wie einengend und gefährlich das Leben im Rostock des Zweiten Weltkriegs war. „Wir hatten ja als Kinder keine Freiheit. Wir mussten immer zu Hause oder in der Umgebung sein, weil ja wieder ein Alarm kommen konnte. Wir hatten ein ganz anderes Leben.“ Ursula Willer lebte zusammen mit ihren Brüdern und ihrer Mutter – der Vater war von den Russen „abgeholt“ worden und kam erst 1951 zurück. Er zog mit der Familie nach Hamburg, wo er in Hummelsbüttel eine Zahnarztpraxis eröffnete. „Ich hätte gern studiert“, erzählt Ursula Willer, „für meinen Vater war es aber selbstverständlich, dass die Söhne studieren und selbstverständlich, dass ich nicht studiere. Ich habe mich gefügt und Schneiderin gelernt. Das hat mir viel Freude gemacht, ich war eine gute Schneiderin.“ Das junge Mädchen ist entschlossen, mehr zu werden als eine Hausfrau – in den rigiden 50er-Jahren ist das trotz Wirtschaftswunder immer noch keine leichte Aufgabe.
Über eine Patientin ihres Vaters wurde der Kontakt zu Rolf Willer hergestellt – das Traditionsunternehmen hat seit 1943 seinen Sitz in Wellingsbüttel. Der erste Kontakt zwischen den beiden, ein Termin zum Kaffeetrinken, verlief allerdings nicht sehr vielversprechend. „Er war furchtbar hibbelig“, erinnert sich Ursula Willer. „Da habe ich gedacht: Den nimmste ja nie, den siehst du nicht wieder.“ Sie sahen sich wieder – und schließlich heirateten sie doch. Ursula Willer stieg ins Juweliers-Geschäft ein, kümmerte sich um die Familie, betätigte sich künstlerisch und engagierte sich lokal.
Auch mit den Stätten ihrer Kindheit hat sie heute ihren Frieden gemacht. „In den Neunzigern hatte ich Alpträume. Ich hatte gelesen, dass man diesen Alpträumen entgegenwirken soll. Darum bin ich in Rostock mit meinem Mann und meiner Nichte meinen alten Schulweg gegangen. Von zu Hause bis dahin, wo ich immer meine Freundin abgeholt hatte, zum Gymnasium rauf. Dann hatte ich keine Alpträume mehr. Ich hatte mein Rostock wieder, das ich damals verlassen hatte. Seitdem bin ich mit der Stadt ausgesöhnt.“
Gefragt, was sie nach ihren Erfahrungen den jungen Menschen des 21. Jahrhunderts raten würde, sagt Ursula Willer nach kurzem Nachdenken: „Man muss Mut haben. Ich hatte ja auch Mut und bin nicht die Hausfrau geworden, die ich damals hätte werden müssen.“
Buchtipp:„Jahre wie damals – 1935-1951“ ist bei in-Cultura.com erschienen, hat 156 Seiten und kostet 14,80 Euro. Neben diesem Buch hat Ursula Willer auch weitere Bücher veröffentlicht, die sich mit historischen Themen, aber auch der Vergangenheit ihrer Familie beschäftigen.

Christian

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