Die Malerin Anita Rée (1885-1933) setzte sich in ihrem Schaffen mit dem grundlegenden Wandel der Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert auseinander. Den Fragen nach Subjekt und Identität sowie nach Zugehörigkeit widmete Anita Rée in wechselhaften Zeiten große Aufmerksamkeit. Schon vor der Machtergreifung wurde sie in ihrem Schaffen durch die aufziehende Bewegung des Nationalsozialismus stark eingeschränkt und zog sich auf die Insel Sylt zurück. Dort nahm sie sich 1933 das Leben. Mit Dr. Karin Schick, der Kuratorin der Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle, sprachen wir über die Künstlerin und ihr Werk.

 

Frau Schick, in unserer Kunsthalle wird die Hamburgerin Anita Rée erstmals mit einer umfassenden Ausstellung geehrt. Welche Rolle spielt unsere Hansestadt eigentlich in ihrem Schaffen? Hat sie Alster und Elbe gemalt?

Dr. Karin Schick: Es gibt einige frühe Darstellungen aus der Gegend. Die Landschaft hat Anita Rée aber erst 1921, auf einer Reise nach Tirol, und vor allem 1922 bis 1925 in Italien als Motiv fasziniert.

Anita Rée war als Frau der Zugang zu den deutschen Kunsthochschulen verwehrt. Wie verlief ihr künstlerischer Werdegang?

Sie besuchte die private Malschule des Hamburger Künstlers Arthur Siebelist, bildete sich um 1912/13 für einige Monate in Paris fort und malte zwischen 1922 bis 1925 in Positano an der Amalfiküste. Sie hat sich vieles selbst beigebracht – in der Auseinandersetzung mit den Alten Meistern, den Künstlern der Moderne und ihren Künstlerkollegen.

Nachdem Rée 1919 die „Hamburgische Secession“ mitbegründet hatte, konnte sie bereits ausstellen. War sie im Vergleich mit anderen Frauen besser etabliert? Eine ungewöhnliche Karriere?

Sie konnte schon ab 1913 ausstellen und nutzte ihre Möglichkeiten geschickt. Sie kam aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und war somit gut vernetzt in der Gesellschaft. Aktiv baute sie tragfähige Verbindungen in der Hamburger Kulturszene auf, knüpfte Kontakte zu Mäzenen, Privatsammlern und zur Kunsthalle. Zum Ende der 1920er Jahre galt sie als die Porträtistin in Hamburg, und auch viele Kollegen bewunderten ihr Können.

In ihren Werken setzte sich Anita Rée mit der Frage nach Identität auseinander. Auch im Sinne der Geschlechterfrage?

Anita Rée_Stillleben mit Orangenbaum_vor 1920

Bild: Anita Rée – Stillleben mit Orangenbaum, entstanden vor 1920, Privatbesitz, © Christoph Irrgang.

Ja, durchaus: In ihrem Frühwerk stellte sie immer wieder Mädchen und Jungen an der Grenze zur Pubertät dar, später fallen in ihren Werken androgyne Figuren auf. Sie selbst wurde von ihren Zeitgenossen manchmal als sanft und verhalten, dann wieder als herb oder herrisch wahrgenommen. In ihren Figurenbildern zeigt sie mit Vorliebe Frauen und beschreibt deren Feinheit, Klarheit und Stärke.

Welche anderen zentralen Themen behandelte Rée in ihrem Schaffen?

Im Zentrum stehen eindeutig das Portrait und das Selbstbildnis. Faszinierend ist aber auch Rées Beschäftigung mit den Alten Meistern Europas, mit außereuropäischer Kunst, den Kulturen Afrikas und Asiens. Diese Interessen verbindet sie in ihren Werken in ganz eigener, eindrücklicher Weise, so bemalt sie zum Beispiel Schränke mit Phantasiefiguren oder bezeichnet und beklebt Postkarten und bringt darin die unterschiedlichsten Bildwelten zusammen.

Ein wissenschaftlicher Katalog zur Ausstellung sowie die Erarbeitung eines neuen Werkverzeichnisses werden Rées Schaffen endlich breiter zugänglich machen. Auf welchem Wege wurde diese späte Würdigung möglich?

Unser Tun beruht auf grundlegenden Vorarbeiten von Claudia Heuer, Marina Schneede und vor allem Maike Bruhns – Kunsthistorikerinnen, die Rée in den 1980er Jahren wiederentdeckten. Zahlreiche Privatleute, Museumskollegen und Förderer haben unser Projekt großzügig unterstützt und mit ihrem Wissen, mit Leihgaben und finanzieller Hilfe erst ermöglicht.

Was macht Rées künstlerisches Schaffen aktuell?

Es ist insbesondere ihre Beschäftigung mit dem Menschen: mit dem eigenen Ich und anderen Personen, mit der Frage, wer wir sind, was uns ausmacht, wohin und wozu wir gehören, wie wir uns zeigen und wie wir gesehen werden. Man spürt Anita Rées ernsthaftes Fragen danach in ihrer Kunst – und deswegen berühren ihre Werke wohl bis heute.

Text: Wolfgang Wagner

Bild: Anita Rée – Selbstbildnis, 1930, © Hamburger Kunsthalle / bpk

 

Veranstaltungstipp:

„Anita Rée. Retrospektive“. Die Ausstellung läuft bis zum 4.2.2018. Eintritt 14 €, ermäßigt 8 €. Weitere Infos unter www.hamburger-kunsthalle.de

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