Birte Müller schreibt und illustriert Kinderbücher. Sie ist Mutter von zwei Kindern, von denen eines schwerbehindert ist. Für die Familie Normalität und genau das möchte Birte mit ihren Arbeiten vermitteln. Sehr herzlich empfängt mich Birte in ihrem Reihenhaus und spricht mit mir über ihren Alltag, ihre Arbeit und das wichtige Thema Leseförderung.

Wie entsteht ein Kinderbuch?
Birte Müller: Zuerst schreibe ich den Text, dann teile ich ihn in Abschnitte und habe zu den einzelnen Stellen direkt Bilder im Kopf.

Bilder, die wie entstehen?
Beim Illustrieren musst du immer den Text mit berücksichtigen. Jede Illustration braucht einen gewissen Freiraum, der nicht komplett mit Text gefüllt werden darf. Mit meinen Illustrationen versuche ich mehr zu erzählen, als im Text steht.

Und das wäre?
Die Kunst des Illustrierens besteht darin am Text zu arbeiten und nicht jedes Wort bildlich darzustellen. Es können mehr Details drinstecken oder sie vermittelt eine bestimmte Atmosphäre, wie bei „Auf Wiedersehen Oma“: Die flächendeckenden, malerischen Illustrationen vermitteln die Melancholie in den Anden.
Das Buch handelt, wie zwei andere auch, vom Abschied.
Das Thema, dass das Leben endlich ist und dass wir den Kindern auch die Möglichkeit geben, darüber reden zu können, ist wichtig und muss ins Leben gerückt werden. Die Geschichten spielen in weiter Entfernung, damit es nicht zu nah am Leser ist. Damit können die meisten besser umgehen. Wenn jemand geht, ist es das Unvorstellbarste, auch für mich. Wird das besser, wenn wir nicht darüber reden dürfen?

Gehören Behinderungen auch zu den Tabuthemen?
Im weitesten Sinne schon. Diese ganze Betroffenheit zu dem Thema kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, weil es für uns der normale Alltag ist. Im Bereich Behinderung gibt es auch so viele Berührungsängste und man weiß nicht, ob man über gewisse Sachen reden darf. Natürlich darf man das! Sonst wäre es doch Diskriminierung!

In deinen Kolumnen, die in der „a tempo“ erscheinen, schreibst du über dein Leben. Das Leben mit einem behinderten Sohn. Was möchtest du deinen Lesern vermitteln?

Die Normalität, also unsere Normalität. Ich schreibe über unseren Familien-Wahnsinn mit Willi, aber vieles davon bezieht sich doch auf jede Familie und sind alltägliche Probleme. Auch wenn unser Alltag manchmal ganz schön an die Grenzen geht und völlig gaga ist, erzähle ich ihn gerne. Ich möchte nicht verstanden werden, ich will nur einen Einblick geben und Humor in die „schwere Thematik“ bringen. Es sind nicht nur witzige Texte. Wenn ich nicht mehr kann und nicht mehr weiter weiß, schreibe ich das auch auf. Es ist ein bisschen wie eine Selbsttherapie.

„Planet Willy“, ein Kinderbilderbuch, in dem es um das Leben mit einem geistig behinderten Menschen geht, war bereits für den Jugendliteraturpreis nominiert.

„Planet Willy“, ein Kinderbilderbuch, in dem es um das Leben mit einem geistig behinderten Menschen geht, war bereits für den Jugendliteraturpreis nominiert.

Du setzt dich auch für Leseförderung ein, warum?
Ich gebe viele Lesungen in Hamburger Schulklassen und im Kinderbuchhaus vom Altonaer Museum. Denn ganz besonders in Deutschland müssen die Kinder begreifen, dass nicht die Glotze die Geschichte ausdenkt, sondern wir Menschen.

Neben den Lesungen gibst du auch Workshops?
In den Workshops arbeite ich mit jungen Illustratoren oder Kindern zusammen, wobei ich letzteres viel lieber tue. Ich versuche ihnen zu vermitteln, dass man eine Geschichte selber schreiben und illustrieren kann. In Zusammenarbeit mit dem Goetheinstitut halte ich auch Lesungen und Workshops in Ländern wie Venezuela, Libanon, Costa Rica, Russland.
Valeska Fuhlenbrok

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