Reale Ungleichheit auf der einen, „Gender-Wahn“-Rufer auf der anderen Seite. Der feministische Versuch, Geschlechtsungleichheiten zu bekämpfen oder zumindest ins Bewusstsein zu rücken, wird von „Männerrechtlern“, aber auch einigen Frauen, für problematisch oder gar kontraproduktiv gehalten. Viel Lärm um einen kleinen Unterschied?
Wenn ein Professor als Resultat der eigenen Forschungen gesellschaftliche Vorschläge macht, schlägt dem allzu oft gepflegte Gleichgültigkeit entgegen. Warum führten dann ausgerechnet Überlegungen von Prof. Dr. Lann Hornscheidt aus Berlin zu einem regelrechten öffentlichen Aufschrei?

Hornscheidt hat eine Professur für Gender Studies an der Humboldt-Uni Berlin inne und versuchte in mehreren Interviews interessierten Laien aufzuzeigen, wie reale Ungleichheiten auch in der Sprache ihren Niederschlag finden und mit ihr wieder auf die Realität wirken. Diese Verhältnisse aufzubrechen, sei schwer, so Hornscheidt, man könne aber Bewusstsein dafür schaffen: Eine Überlegung seien etwa spezielle Schreibweisen, etwa nicht Professor oder Professorin, sondern neutrale Formen wie „Professx“. Nachdem diese Äußerungen in sozialen Medien die Runde machten, sah sich Hornscheidt mit Anfeindungen, Entlassungsforderungen und Gewaltaufrufen konfrontiert. An diesem akademischen Gedankenspiel kochte die deutsche Volksseele auf besonders peinliche Weise hoch – vor allem deshalb, weil die Grundannahmen von Prof. Hornscheidt nachweislich richtig sind.

Machen wir ein kleines Experiment: Stellen Sie sich bitte einmal bildlich vor, vier Professoren gehen die Straße entlang und unterhalten sich. Drei von ihnen tragen Röcke. – Wenn Sie jetzt zunächst an vier Herren gedacht hatten und einen kurzen Moment irritiert waren, geht es Ihnen so wie den meisten deutschen Muttersprachlern. „Die Professoren“, „die Ärzte“, „die Bauarbeiter“ werden zunächst als eine Männergruppe wahrgenommen, auch wenn theoretisch auch Frauen darin enthalten sein könnten. Das Missverhältnis spiegelt sich eben in der Sprache wider. Eine Gruppe von zwanzig Ärztinnen bleibt nur so lange eine Gruppe Ärztinnen, bis ihr mindestens ein männlicher Arzt beitritt – dann ist sie eine Gruppe Ärzte. Umgekehrt gilt das natürlich nicht. Ungerechtfertigte Ungleichheit in Sprache und Leben.

Ein weiteres Beispiel: An der TU Berlin wertete man die scheinbar banalen Aufschriften auf Hunderten von Kinder-T-Shirts aus. Es stellte sich heraus, dass sich die Wörter zwischen Shirts für Jungs und Mädchen stark unterschieden. Bei den Mädchen kamen am meisten Begriffe wie „sweet“, „princess“, „happy“ und „cute“ vor, während bei den Knaben vor allem Slogans wie „strong“, „wild“, „rebel“ und „king“ zu finden waren. Man sieht also, es bleibt nicht bei Pink und Hellblau; wir stülpen unseren Kindern wortwörtlich unterschiedliche Vorurteile und Erwartungen über.
Die existierende Ungleichheit wird von der Sprache nicht einfach neutral widergespiegelt, sondern steht mit ihr in einer komplexen Wechselwirkung. Die Überlegung, solche Strukturen – wie auch immer – aufzubrechen, müsste da doch eigentlich naheliegen. Ob man die Vorschläge von Prof. Hornscheidt für praktikabel hält oder nicht, die Problematik besteht ja dennoch.
Woher kommen dann diese besonders giftigen Reaktionen auf eigentlich harmlose Anregungen, auf die Sprache zu achten? Lann Hornscheidt versuchte in einem Interview mit der „taz“ eine Erklärung: „Ich sehe gerade eher eine Ähnlichkeit, wie sehr sie sich bei Geschlechterthemen aufregen und wie stark bei Politik zu Geflüchteten. Der Aufregfaktor ist besonders hoch bei Sachen, wo Menschen sich mit ihren eigenen Privilegien auseinandersetzen müssen. Da spielen Rassismus und Sexismus eine extrem große Rolle.“ Prof. Hornscheidt selbst hat bereits eine eigene Konsequenz aus den Anfeindungen gezogen. Bei den Kontaktdaten auf lannhornscheidt.com steht: „Falls Sie nicht kommunizieren, sondern nur Ihre Irritation zurückwerfen wollen, statt sie als Impuls für sich zu benutzen über eigene Normen und Weltbilder nachzudenken, dann schicken Sie dies bitte an folgende Mail-Adresse: …“ Es folgt eine eigene Adresse für Hass-Mails.
Wenn allein die Anregung, über eigene Normen und Weltbilder nachzudenken, vor allem in Hass und Empörung endet, dann dürfte der Weg zu gerechter Sprache noch ziemlich lang werden.

Foto: Patryk Kosmider

Christian

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