Die neue-alte Lust der Frauen

„Frauen verkennen ihre eigene Lust“, behauptet ein US-Schriftsteller. In seinem neuen Buch möchte er Frauen ihr Geschlechtsleben erklären – und geht dabei den ältesten Legenden auf den Leim. Peinlich, findet unser Redakteur Christian Luscher!

Plethysmograph nennt man das Gerät, das den Frauen erklären soll, was sie erregend finden – zur Not auch gegen ihren Willen. Dies beschreibt jedenfalls der US-amerikanische Autor Daniel Bergner, dessen Buch „Die versteckte Lust der Frauen“ kürzlich für Aufsehen sorgte. Ebendiese „versteckte Lust“ versteckt sich nämlich gerade – vor der Frau selbst. Und nur Geräte wie der Plethysmograph können den geheimen Wünschen auf die Spur kommen. Das geht so: Der Plethysmograph, der aus einer Lichtröhre samt Sensor besteht, wird in die Scheide eingeführt und misst ihre Durchblutung, ergo ihre Feuchtigkeit, ergo die Erregung. In der Serie von Studien, die Meredith Chivers von der Queens University durchführte, wurden derartig präparierten Frauen mehr oder weniger pornographische Filme gezeigt. Dabei maß man ihre Scheidendurchblutung und befragte sie zusätzlich, ob sie das nun erregend fanden. Ein ähnlicher Versuch wurde bei Männern durchgeführt. Veränderungen im Penis-Umfang wurden mit Aussagen über die eigene Erregung abgeglichen. Aus dieser Konstellation entstanden Ergebnisse, die Autor Bergner ganz wundersam vorkamen. Kurz gefasst: Wenn Männer aussagen, sie seien erregt, ist auch meistens eine Erektion festzustellen. Bei Frauen muss eine Erregung nicht zwangsläufig mit erhöhter Scheidenaktivität einhergehen, ebenso wie auch Frauen, die aussagen, nicht sonderlich erregt zu sein, manchmal dennoch stärker durchblutete Scheidenwände haben. An diesem eher banalen Fund macht der Autor den Großteil seiner Argumentation fest. Er begründet die Ergebnisse damit, dass die „Manipulation des Verstandes“ und die „Einmischung höherer Hirnregionen“ den Frauen die wohlverdiente Erregung verhageln. „Zwischen Gehirn und Vagina“, sagt der Autor, bestehe bei ihnen ein riesiger Unterschied. Dadurch könnten Frauen ihre Körpersignale nicht richtig deuten. Soll heißen: Die Frauen wissen einfach nicht, was gut für sie ist.
Dass diese Erklärung nicht nur zu kurz greift, sondern von einem hochproblematischen Frauenbild zeugt, dürfte einleuchten. Tatsächlich ist dieses Missverständnis eines der häufigsten zwischen Männern und Frauen. Bei den Herren der Schöpfung – da stimmen sie selbst meistens bereitwillig zu – ist die Grenze zwischen Hirn und Penis nicht so streng gezogen. So wirkt sich auch die sexuelle Erregung vorrangig aufs Glied aus. Sollte mal keine Lust vorliegen, lässt sie sich mit einigen Handgriffen auch umgekehrt herstellen. Der große Irrtum entsteht, wenn Männer dieses einfache Prinzip auch auf die Frauen übertragen. Ein solches vorsintflutliches Verständnis der weiblichen Lust wird mit Büchern wie dem von Bergner noch zementiert. Die weibliche Erregung ist um einiges komplexer als die männliche – doch statt dies anzuerkennen, wird den Frauen eingeredet, sie seien blockiert. Dass etliche andere Faktoren, auch nicht-körperliche und nicht-genitale, ihren Anteil an der weiblichen Erregung haben, wird so unterschlagen und die Verantwortung, von diesem oder jenem nicht erregt zu sein, auf die Frauen abgewälzt. Das ist Sexologie nach Gutsherrenart, die man im 21. Jahrhundert eigentlich für überwunden halten sollte.

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Daniel Bergner. Die versteckte Lust der Frauen. Ein Forschungsbericht. Aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner. Knaus Verlag, 256 Seiten, 16,99 Euro

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