In den großen Opernhäusern der Welt werden fast ausschließlich die Werke von Männern aufgeführt. Denn leider wurde Frauen über weite Teile der Geschichte die nötige Ausbildung verwehrt. Aber muss das so bleiben? Wir sprachen mit der in Hamburg lebenden Komponistin Jelena Dabić über Geschlechterdiskriminierung in der Szene für Neue Musik und ihre Oper „Der Riss“, die im Tiefbunker am Hamburger Hauptbahnhof uraufgeführt wurde.

hamburgwoman.de: In der öffentlichen Wahrnehmung ist die klassische Musik eine Männerdomäne. Selbst Komponistinnen wie Clara Schumann und Fanny Hensel kennen nur wenige. Wie nehmen Sie die heutige Situation für musikschaffende Frauen wahr?

Jelena Dabić: Das ist nach wie vor ein stark von Männern dominierter Bereich. Natürlich hat sich seit dem 19. Jahrhundert viel getan, aber es gibt immer noch zu wenige Frauen. Nicht nur Komponistinnen, sondern auch Dirigentinnen. Ich stamme aus Serbien – und dort ist das ein bisschen anders. Dort gab es im Fach Komposition mehr Studentinnen als Studenten. Als ich nach Deutschland kam war das ein echter Schock – an der Hochschule in München war ich plötzlich die einzige Frau in der ganzen Klasse.

Mussten Sie Stereotype überwinden, um Ihren Weg als Komponistin gehen zu können?

Meiner Erfahrung nach müssen sich Frauen generell viel mehr bemühen und beweisen, um überhaupt ernst genommen zu werden und auf dieselbe Ebene wie gleich qualifizierte Männer zu kommen. Ich versuche so zu denken, dass im 21. Jahrhundert in Westeuropa beide Geschlechter gleichberechtigt sind, aber es ergeben sich leider immer wieder Situationen, die mich daran erinnern, dass es nicht so ist und eine Frau einfach mehr Ausdauer und Kraft benötigt, um die gleichen Ergebnisse zu erzielen.

In Ihrer „Musik für einen Bunker“ mit dem Titel „Der Riss“ geht es um die Entmenschlichung der Zivilgesellschaft im Krieg. Sie selbst haben vier Kriege miterlebt, darunter die Bombardierung Serbiens durch die NATO. Wie sehr ist das Werk von diesen Erfahrungen geprägt?

Diese Erlebnisse waren der Ausgangspunkt für das ganze Werk. Es war schon lange ein Wunsch die Kriegserfahrung in einer Komposition zu verarbeiten. Das habe ich mir aber lange nicht getraut. Der Impuls, das endlich zu machen, kam von der Librettistin (Verfasserin des Operntextes, Anm. der Redaktion) und Dramaturgin Micaela von Marcard, mit der ich eigentlich ein ganz anderes Projekt angehen wollte.

Krieg ist in diesen Tagen ein akutes, globales Problem. Laut der UNO waren 2016 über 65 Mio. Menschen auf der Flucht. „Der Riss“ ist vor diesem Hintergrund also ein sehr aktuelles Werk. Ist das, was zwischen den Menschen im Bunker passiert, unabhängig von ihrem Kulturkreis?

Ja, es geht um allgemeine menschliche Erfahrungen. Wie gesagt steckt viel Persönliches darin, aber man erfährt nicht in welchem Land und in welcher Stadt sich die Handlungen abspielen. Dadurch wird vermittelt, dass überall auf der Welt, wo Krieg herrscht, die Situation gleich ist. Wie sich die Menschen in Syrien und Afghanistan fühlen kann ich gut nachempfinden.

Als Aufführungsort haben Sie bewusst den Tiefbunker am Hamburger Hauptbahnhof gewählt. Szene und Spielstätte sind somit identisch. Welche Wirkung hat das auf das Publikum gehabt?

Wenn man vor dem Hauptbahnhof steht und dann hinunter steigt, ist man plötzlich in einer völlig anderen Umgebung. Das Bedrückende und Dramatische der Situation wird direkt spürbar, weil die Gänge dunkel und schmal sind, obwohl der Bunker insgesamt sehr groß ist und 2000 Menschen Platz bietet. Zur Stimmung trägt auch ein modriger Geruch bei, der dort die Luft erfüllt. Der Bunker ist nie renoviert worden, ist also noch im Originalzustand.

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Bedrückende Stimmung im Bunker. Die Körpersprache lässt ahnen, was der Krieg mit den Menschen macht. Foto: Gerhard Kühne

Dass die Gäste das bewegt hat, konnte man an der angespannten Körperhaltung sehen. Und die Atmosphäre hat ihre Sinne geschärft. So wurde für sie erlebbar, dass der scheinbar sichere Bunker und die von Krieg erschütterte Umgebung zwei Parallelwelten bilden. Genau das war es, was ich wollte.

Wie würden Sie die Rolle der Musik in ihrem Werk beschreiben? Können Grausamkeit und Apathie in diesem Ausmaß musikalisch ausgedrückt werden? Inwiefern ist die Geräuschkulisse des Krieges Bestandteil der Musik geworden?

Die Oper ist von vornherein als Gesamtkunstwerk konzipiert worden (im Gesamtkunstwerk gehen die Ebenen von Musik, Text und Szene eine gleichwertige Symbiose ein, Anm. der Redaktion). Die im Entstehungsprozess immer mitgedachte Musik greift Volksmelodien auf. Meine erste Erinnerung an die Bombardierung sind Leute im Bunker, die laut gefeiert und Volkslieder gesungen haben, um die Flugzeuge und Bomben nicht zu hören. Das war feiern aus Angst und Verzweiflung und das Absurde an der ganzen Situation. Diese Melodien habe ich in der Musik motivisch verarbeitet. Als musikalischen Kontrast habe ich das Schreck- und Angstgefühl gesetzt. Zusätzlich habe ich über elektronische Tonspuren die Kriegsgeräusche eingearbeitet. Darüber bekommt man auch einen Eindruck davon, was draußen passiert.

Das Titelgebende Thema, „Der Riss“, wird erst in der Schlussszene aufgegriffen. Man kann ihn als Metapher verstehen für das mehr oder wenige unbewusste Gefühl dafür, dass der Krieg entmenschlicht und die Trauer darüber. Ist es auch Ihre persönliche Meinung, dass das Bewusstsein über den Verlust der Menschlichkeit immer bleibt?

So war meine Erfahrung, ja. (Sie macht eine längere Pause) Die Erlebnisse im Krieg sind aber etwas, das man nicht beschreiben kann. Man kennt das nur, wenn man es selbst durchgemacht hat und möchte das eigentlich lieber vergessen. Meine Familie und meine Freunde möchten sich damit nicht beschäftigen oder darüber reden. Ich weiß nicht warum das so ist. Aber diese Erfahrungen sind eben auch ganz schrecklich und verändern die Menschen natürlich. Ich habe aber die Auseinandersetzung bei der Arbeit an der Oper gesucht und das war meine Heilung.

„Der Riss“ endet offen. Werden Sie sich dem Stoff noch einmal zuwenden?

Eigentlich war ein zweiaktiges Werk geplant. Wir haben bislang nur den ersten Akt fertig, der im Bunker spielt. Der zweite Akt spielt dann in einem Transporter, der die Menschen in Sicherheit bringen soll. Das wird dann erneut ein ortsspezifisches Projekt. Wir sind gerade bei der Planung, allerdings weiß ich noch nicht wo es stattfinden wird.

Text: Wolfgang Wagner

Portraitfoto: Marcio Schuster

Zur Person:

Die Komponistin Jelena Dabić (36) ist Doktorandin an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Ihr Schaffen umfasst mehr als 40 Werke von Solo-, über Kammermusik bis hin zu Orchesterwerken und eine weitere Oper. Diese Kompositionen sind international aufgeführt worden. Derzeit schreibt Dabić, unterstützt durch ein Stipendium des Hamburger Karrierekompetenzzentrums für Frauen „Pro Exzellenzia“, ihre Doktorarbeit über ungewöhnliche Aufführungsräume im Musiktheater.

Über den Autor

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