Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier ist eine bewundernswerte Frau: Sie ist ehrgeizig und feinfühlig zugleich, steht zu ihren Werten und weiß ihre Prinzipiell zu vermitteln. Im Gespräch mit Redakteurin Valeska Fuhlenbrok spricht sie über die Bedeutung des Theaters und ihren Blick auf die Gesellschaft.

Sie inszenieren sehr erfolgreich Theaterstücke. Wie beschreiben Sie Ihren Stil?
Es ist ganz schwer einen eigenen Stil zu beschreiben. Natürlich gibt es immer gewisse Unterschiede, die stückbedingt sind-sicherlich ist eine Jelinek Arbeit anders inszeniert als ein Shakespeare. Grundsätzlich würde ich sie immer als eine musikalische Arbeit bezeichnen. Ich betrachte Texte als eine Art Partitur und arbeite musikalisch rhythmisch sehr, sehr genau. Das hat mit Rhythmus in der Sprache zu tun, mit Rhythmus in der Szenenabfolge und wie ich mit Seitenmusik in einem Theatersaal umgehe. Ich würde meine Arbeiten auch bis zu einem gewissen Maß als spielerisch bezeichnen.

Arbeiten Sie nah am Text?
Nah am Text zu arbeiten, ist immer schwierig. Ich stelle mir immer die Frage, was der Text für uns heute bedeutet? Das kann durchaus dazu führen, dass ich sehr frei mit einem Text umgehe. Wenn ich eine griechische Tragödie erzähle, unterscheidet sie sich stark von einem Strindberg oder einem Text von Elfriede Jelinek, den ich im Übrigen niemals emotional inszenieren würde.

Wie treffen Sie die Wahl zu neuen Stücken?
Immer inhaltlich. Wir gehen vom Thema, zu Stück, zu Besetzung. Wenn wir eine Spielzeit vorbereiten, setzen wir gewisse Schwerpunkte, die den Leitfaden für die Gestaltung eines Spielplans bilden. Zu dem Thema suchen wir anschließend entsprechende Stücke. Diese Phase geht über mehrere Monate, in der wir Stücke lesen, uns die Frage nach einer guten Besetzung und einem ästhetischen Zugang stellen.

Wie viele wirken mit bei der Spielplanbesetzung?
Das ist überschaubar und setzt sich aus der Spielplanleitung und den Dramaturgen zusammen.

Was versuchen Sie Besuchern zu vermitteln?
Das kann man so nicht beantworten, weil es vom Inhalt des Spielplans und des Stücks abhängt. Es gibt Themen, die sich durch mehrere Stücke ziehen. Ich hatte beispielsweise eine längere Phase, wo ich mich mit allen Facetten um das Thema „Verantwortung jedes Einzelnen“ gedreht habe. Wenn ich allgemeiner sprechen würde, was soll Theater machen? Würde ich sagen, dass das Medium Theater, wie kaum ein Anderes, Diskussionen lostreten kann. Wir haben mehrere Privilegien. Durch die große Menschenmenge, die das Theater nicht schweigend verlässt, wird es kollektiv rezipiert. Außerdem haben wir die Möglichkeit, weil wir uns nicht unbedingt politisch korrekt verhalten müssen, Diskussionen zu provozieren. Wir sind als Stadttheater in der Pflicht so eine Stadt wach zu halten und begleiten auch ein öffentliches Forum, wo wir darauf verweisen, was in der Stadt passiert.

Sie haben auch den FAQ-Room gegründet…
Ja, der FAQ (gesprochen Fak)-Room ist durch eine lange Debatte, zu dem Stück „Geächtet“ entstanden. In dem Stück fallen diverse Sätze wie z.B. „Der Koran ist ein einziger langer Hassbrief an die Menschheit“, die man als islamophob bezeichnen und sehr kontrovers diskutieren könnte. Ich meinte, dass können wir nicht machen, denn sonst blasen wir in das Horn von Pegida und der AfD und da siedeln wir uns weiß Gott nicht an. Wir sind zu dem Punkt gekommen, dass es eine gesellschaftliche Entwicklung gibt, wir immer mehr und mehr eine Schere im Kopf haben und die Zesur schon im Kopf anfängt, weil wir Angst davor haben gewisse Dinge beim Namen zu benennen bzw. Angst davor haben in eine falsche politische Schublade gesteckt zu werden.
Wenn ich mich beispielsweise islamkritisch verhalte, habe ich Angst davor, von der Gesellschaft in die rechte Ecke gestellt zu werden. Folglich mache ich es lieber nicht, was völliger Quatsch ist. So stauen sich Dinge, die diskutiert werden müssten, an und führen möglicherweise sogar zu einer Art Rechtsruck in der Gesellschaft, der explosionsartig entsteht. Das finde ich bedenklich und hat mit Übervorsicht zutun. Themen werden mit Samthandschuhen und Filzpantoffeln behandelt. Gerade die Deutschen sind sehr zurückhaltend, aus Gründen, die mit der nationalsozialistischen Geschichte zusammenhängen, dadurch bekommen wir ein sehr unkünstlerisches Maß. Wir als Vertreter eines Kunsttempels müssen auch unbequem sein und müssen riskieren, dass man uns missversteht. Wenn wir nicht die großen Verfechter der großen Diskussionen bleiben, erfüllen wir unseren Hauptauftrag nicht. Deswegen wollten wir diese Diskussion nicht mehr in einem geschlossenen Raum, sondern mit den Zuschauern führen. So ist der FAQ-Room entstanden, wo skizzenhaft gearbeitet, Diskussionen, Vorträge und Installation gezeigt und wichtige gesellschaftliche, sowie politische Themen behandelt werden. Es ist der Anfang und dieses Bewusstsein muss sich noch weiter entwickeln. Ich merke, dass wir immer noch diese Schere im Kopf haben, ich spüre sie extrem. Es ist ein Prozess von mehreren Jahren, wo wir aber im Stadtgeschehen etwas auslösen können und sollten.

Im FAQ-Room wird Anfang 2016 „Unterwerfung“ von Houellebecq zu sehen sein. Warum haben Sie den Roman ausgesucht?
Es ist ein gesellschaftlich relevanter Roman, wenn man so ein abgedroschenes Wort wie gesellschaftlich relevant überhaupt benutzen kann. Ich persönlich finde, dass Houellebecq wie kaum ein Anderer ein Lebensgefühl trifft. Ein sehr lakonisches, nüchternes aber auch mit einem humorvoll bösen Blick auf Welt, ich persönlich mag es sehr. Ich weiß, dass Houellebecq viele Feinde hat und zu Recht als frauenfeindlich bezeichnet wird, aber ich finde es gerade interessant, weil er das mit einer Unverschämtheit macht und ich als Frau Lust habe mich damit auseinanderzusetzen. Das Buch ist eine sehr gut beobachtete Kritik an unserer westlichen Welt mit ihren Werten oder nicht Werten.

Also sehen Sie sich in der Aufgabe die Gesellschaft wachzurütteln und toleranter zu werden…
Im Endeffekt ist es so, aber ich will es nicht versöhnlich beschreiben. Wieso muss alles Unbequeme mit einem versöhnlichen Schlusswort versehen werden? Das Theater kann Konflikte hinstellen ohne Lösungsvorschläge zu geben. Sicherlich ist es unsere Aufgabe ein gesellschaftliches Bewusstsein wachzuhalten. Das geht manchmal über ganz merkwürdige konträre Wege und sicherlich nicht indem wir das Korrekte behaupten und immer ganz sanften Schulterschluss mit den Zuschauern suchen. Die Aufgabe von Kunst, sei es Theater, Musik, bildende Kunst, ist es, in Konfrontation zu treten.

Was lesen Sie und wie viel lesen Sie?
Ich lese ununterbrochen, aber meistens arbeitsbezogen. Ich empfinde das auch als lästig, weil ich auch gerne etwas lesen würde, wo mein Gehirn nicht permanent den Text abklopft, nach brauchbaren Gedanken und der gespitzte Bleistift neben dem Bett liegt. (lacht)
Ich muss sehr, sehr viel lesen für die Arbeit. Für das Stück „Unterwerfung“ von Houellebecq lese ich natürlich alle seine Roman, Interviews, und seine Essays, um seine Welt zu begreifen. Man setzt sich mit dem Autor auseinander und auch mit den Themen. Ich lese gar nicht so gerne Theaterstücke, die sind einfach viel anstrengender zu lesen, als ein Roman. Ich lese sehr viel lieber Romane.

Können Sie abschalten?
Es ist schon so, dass sich der Filter, mit dem ich lese oder die Welt abtaste, nach „welche Bedeutung könnte das für die Bühne haben“, nicht abschalten lässt, außer in der Familie. Da spielt es tatsächlich keine Rolle. Ich empfinde es aber auch nicht als Ballast. Damals, als ich in der freien Szene gearbeitet habe und wir immer Spielorte gesucht haben, konnte ich auch nicht durch die Stadt fahren, ohne mit den Augen alle Gebäude abzutasten, ob das geeignete Spielorte sind. Wenn ich in ein Industriegebiet komme, ist es nach wie vor so, dass ich mit meinen Augen abchecke, wie viele eingeschlagene Fenster es gibt, ob der Raum frei ist und ob sich da nicht was machen lässt. Das sind Mechanismen, die ich verinnerlicht habe und nicht mehr los werde.

Was ist ihre Hauptinspirationsquelle?
Alles. Es wäre tatsächlich schlimm, wenn es nicht die einfache Wirklichkeit wäre, die einen interessiert. Sei es ein Gespräch mit Jemandem, ein Bild, was ich sehe, Musik, die ich höre. Die Wachheit, die Welt zu beobachten, die muss bleiben. Aus dieser Vielzahl an Mosaiksteinchen setzen sich meine Inspirationen zusammen.

Also plädieren Sie dafür, achtsam durch die Welt zu gehen. Ist das auch etwas, was Sie auf der Bühne vermitteln wollen?
So bewusst wäre das nie ein Thema für mich. Natürlich ist es so, dass wir in jeder Sekunde unseres künstlerischen Schaffens versuchen, die Menschen dafür zu sensibilisieren, Dinge auf einer weiteren Meta-Ebene wahrzunehmen. Theater ist etwas, was nicht 1:1 funktioniert: Ich habe eine Haltung und dann sag ich sie so. Dann müssten wir lieber Pamphlete verteilen. Wir versuchen mit Meta-Ebenen und Assoziationsformen zu arbeiten. Was irgendwo zum Theater beiträgt, so wie auch jede Kunst, ist der Versuch, die Menschen zu sensibilisieren, die Wahrheit hinter der Wirklichkeit zu sehen. Das hat natürlich auch mit Achtsamkeit zutun. Das wir eine andere Art der Aufmerksamkeit finden und nicht die Oberfläche als die Wahrheit bezeichnen, sondern die Assoziationsräume, die sich auftun, als die Wahrheit empfinden – hinter einer Oberfläche. Das gehört schon zu unser täglich Brot.

Wie sehr sind Sie noch normale Hausfrau und Mutter?
Ich weiß nicht was normal ist. Ich glaube mittlerweile ist es fast normal, dass Frauen, die Mütter sind, auch arbeiten. Insofern – ja, bin ich normal! Meine Tochter sehe ich relativ viel, da sorge ich für. Den Haushalt mache ich nicht.Ich kümmere mich aber ziemlich viel um meine Tochter und da bin ich dankbar für (lacht).

Guckt sie sich die Stücke an?
Das fängt jetzt an. Sie sieht alle Kinderstücke und das liebt sie. Aber andere Stücke möchte ich ihr noch nicht zumuten. Sie ist in einem Alter, in dem die Welt noch nicht allzu angekratzt sein soll. Wenn es kein Happy End gibt, ist sie nachhaltig traurig und das muss ich ihr nicht zumuten. So oft ist sie aber nicht im Theater. Wenn man Kinder überfordert, überlastet sie das extrem. Mit den falschen Bildern raubt man ihnen auch ein Stück weit Kindheit.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit gerne?
Welche Freizeit? (lacht) Ich habe in dem Sinne wenig Freizeit. Wenn ich nach Hause komme, kümmere ich mich um meine Tochter. Das ist natürlich auch eine Form von Freizeit, die mich aber auch beansprucht. Für mich ist es blanke Entspannung ein nicht zweckgebundenes Buch zu lesen. Das mache ich wahnsinnig gerne. Ich könnte Tage im Bett verbringen, viel essen und lesen. Zeit – zweckfrei zu lesen, ohne schlechtes Gewissen-  gibt es wirklich sehr wenig. Ich möchte aber nicht jammern, denn in gewisser Art und Weise ist dieser Beruf ein Priveligierter, weil ich mich einfach immer mit neuen Themen beschäftigen kann. Das ist eine unglaubliche Bereicherung, sonst wäre ich jetzt auf dem Wissenstand meines Studiums hängengeblieben und hätte mich nicht weiterentwickelt. So bin ich permanent gezwungen mich mit neuen Themen auseinanderzusetzen, sehr komprimiert, weil so eine Behandlung eines Themas eine gewisse Oberflächigkeit nicht ausschließt. Man kann sich nicht in die Welt von Kierkegaad in vier Monaten einarbeiten. Trotzdem ist es eine permanente Weiterbildung.

Karin Beier ist die Intendantin des Deutschen Schauspielhaus. Das Deutsche Schauspielhaus im Hamburger Stadtteil St. Georg ist mit 1.200 Plätzen das größte Sprechtheater Deutschlands. Entstanden ist es durch eine private Initiative von Hamburger Bürgern und einer großen Aktiengesellschaft

Valeska

 

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