Copyright Iris Terzka - 1Schon seit 1996 wohnt die gebürtige Düsseldorfer Autorin Wiebke Lorenz in Hamburg. Sie schreibt Thriller und unter dem Pseudonym Anne Hertz gemeinsam mit ihrer Schwester romantische Komödien. Wie sie anfängt, Bücher zu schreiben und was für sie ein gutes Buch ausmacht, hat sie uns im Gespräch in einem Café in Harvestehude erzählt. 

Hamburg Woman: Wieso hat es dich damals nach Hamburg verschlagen?
Wiebke Lorenz: 
Ich habe in Trier Germanistik, Anglistik und Medienwissenschaften studiert und dann hier in Hamburg einen Volontariatsplatz bekommen.
Ich wollte unbedingt für Zeitschriften arbeiten und da war Hamburg die erste Adresse. Außerdem sind meine Eltern ursprünglich aus Norddeutschland, deswegen hat es mich immer schon in den Norden gezogen.

Wie lange schreibst du jetzt schon Bücher?
Angefangen habe ich alleine, das auch schon im Studium. Ich habe gar nicht daran gedacht, das beruflich zu machen, sondern einfach aus Spaß geschrieben. Mein erstes Buch war eine romantische Komödie. Als die dann fertig war, habe ich sie Verlagen angeboten und hatte dann das Glück, dass rowohlt das Buch gleich gekauft und auch gedruckt hat und das Buch zusätzlich noch gut lief. Das war 1998.

Seit 2004 schreibe ich mit meiner Schwester zusammen, unter dem Pseudonym Anne Hertz. Wir schreiben gemeinsam romantische Komödien.

Ein paar Jahre habe ich neben meiner vollberuflichen Karriere als Journalistin Bücher geschrieben. Irgendwann wurde das journalistische immer weniger und mittlerweile schreibe ich eigentlich fast nur Bücher.

Wie kamst du dazu, einen Thriller zu schreiben, wenn du bei romantischen Komödien angefangen hast?
Ich lese sehr gerne Thriller. Da hat es mich zum Einen gereizt, mal was ganz anderes auszuprobieren. Zum anderen gab es in meinem Leben eine Phase, in der es mir nicht so gut ging, da fühlte es sich dann einfach so an, dass ich einfach was anderes schreiben muss.

Dann hatte ich das Glück, dass den Lesern das auch gefallen hat. Anfangs hatte ich natürlich Sorge, dass ein Thriller nicht so gut ankommen würde. Ich war bekannt dafür, heitere und fröhliche Bücher zu schreiben, und habe mich gefragt, ob das wohl bei meinen Lesern ankommt.

Es gab keine Dresche und dann dachte ich, ich mache das weiter! Die Leser können eben zwischen Wiebke Lorenz als Thriller-Autorin und Anne Hertz unterscheiden, die lustige Sachen schreibt.

Wie fängst du an, ein Buch zu schreiben?
Ich habe zunächst eine Grundidee. Die kann so gering sein, dass es für einen Außenstehenden nicht nach einer Idee aussieht. Bei meinem neuesten Buch „Bald ruhest Du auch“ habe ich mich damit beschäftigt, dass es bei einer Kollegin einen ähnlichen Fall gab: Ihr Mann ist bei seinem Einsatz als Kriegsreporter ums Leben gekommen und sie war gerade hochschwanger. Das hat mich nie losgelassen, dieser Gedanke, wie schrecklich es sein muss – man bekommt ein Baby und der Lebensgefährte kommt ums Leben.

Die Idee war noch irgendwo in meinem Hinterkopf und irgendwann ploppte sie dann wieder auf.

Dann fange ich an, mit mir selber zu brainstormen. Dann drehe ich diese Idee hin und her und immer mehr Elemente kommen hinzu, alles im Kopf. Außerdem arbeite ich sehr eng mit einer Dramaturgin zusammen, ich mache jedes Buch mit ihr. Wir spielen uns die Bälle zu und dann wird es konkreter und ich fange an, es aufzuschreiben. Dann arbeite ich immer weiter, bis wirklich eine fertige Geschichte entstanden ist, die ich in einem 10-15-seitigen Exposé zusammenfasse. Danach fange ich erst an, wirklich zu schreiben.

Die Hauptarbeit passiert im Kopf. Ich habe zwar meistens ein kleines Ideen-Büchlein dabei, in dem ich dann Sachen notiere, die ich nicht vergessen will, aber das meiste mache ich wirklich im Kopf.

Du hast auch bereits ein Drehbuch geschrieben…
Genau! Ich habe einen Fernsehfilm für SAT.1 geschrieben, so eine Dienstag-Abend-Komödie, die hieß „Welcher Mann sagt schon die Wahrheit?“ – für den Titel kann ich nichts! Ich habe ja auch zusätzlich noch Film-Drehbuch studiert.

Der Film war ursprünglich eine Roman-Verfilmung einer Krimi-Komödie von mir, die hieß „Liebe, Lügen, Leitartikel“. Das Buch spielte in den Boulevard-Medien. Da habe ich das Drehbuch geschrieben und es ist auch eine sehr schöne Verfilmung geworden.

Ein paar Jahre habe ich immer mal wieder für TV-Produktionen geschrieben, für Serien oder Format-Entwicklungen. Momentan mache ich das nicht mehr, weil ich mit meinen Romanen genug zu tun habe.

Die Filmrechte für meine Bücher sind meistens auch schon vergeben. Da entwickeln dann irgendwelche Leute, ich habe da aber keinen Einblick. Ich überlasse das aber momentan lieber anderen Leuten, weil ich mich lieber auf neue Geschichten konzentriere als aus einem eigenen Buch ein Drehbuch zu machen. Gerade die Thriller sind für mich so komplex – ich weiß nicht, ob ich da ein Drehbuch draus machen könnte.

Es ist ja sicherlich auch spannend zu sehen, was eine außenstehende Person daraus macht!
Auf jeden Fall! Vielleicht wird’s auch furchtbar, keine Ahnung.

Die Filmbranche ist ja echt anders. Da dauert es Jahre, bis da was draus wird. Selbst, wenn jemand die Filmrechte kauft, heißt das noch lange nicht, dass ein Film daraus wird – da können ganz locker 5, 6, 7 Jahre ins Land gehen.

Es wird ja meistens für ein oder zwei Jahre optioniert. Weil es da einfach um so viel mehr Geld geht, sind die Entscheidungsprozesse viel komplizierter und es dauert alles länger. In der Zeit schreibe ich lieber ein neues Buch.

Ist es ein Unterscheid, ein Buch oder ein Drehbuch zu schreiben?
Ja, klar! Dieser Roman hat 448 Seiten. Wenn man den für einen Film umschreiben und alles 1:1 übernehmen würde, käme da wahrscheinlich ein 3-Stunden-Film bei raus.

Man hat im Film einfach nicht die Zeit, sich so weit auszubreiten wie in einem Roman. Es wird ja alles viel mehr zusammengeschnitten.

Innere Gedanken-Prozesse kann man im Film nicht zeigen. Es sei denn, man hat ständig ein Voice-Over und das ist auch nicht immer das beste Mittel der Wahl.

Beim Film muss man einfach noch visueller sein als beim Roman. Ich persönlich bin schon recht visuell, wenn ich schreibe, aber ich habe auch diesen Film-Hintergrund. Beim Film muss man die Bilder für etwas finden, das man im Roman vielleicht anders lösen kann. Man muss beim Roman zwar schon die Bilder im Kopf des Lesers erzeugen, aber das ist eine andere Art des Schreibens.

Hast Du schon Bücher mit Fortsetzung geschrieben?
Nein. Ich schreibe lieber abgeschlossene Handlungen. Wenn ich eine Geschichte zu Ende erzählt habe und dann eine Fortsetzung dazu schreiben würde, dann fühlt sich das für mich an, als würde ich die Geschichte davor entwerten. Irgendwie so „ah, nee, die war doch noch nicht zu Ende erzählt“. Oder, wenn wir von romantischen Komödien sprechen – das würde mir Leid tun. Am Ende eines Liebesromans finden sie sich und wenn ich einen zweiten Teil schreibe heißt das ja, damit es überhaupt spannend wird, entweder muss es auseinander gehen oder es gibt Schwierigkeiten. Das finde ich so desillusionierend. Wenn die Geschichte zu Ende ist, dann ist die Geschichte auch zu Ende.

Es gibt bei „Bald ruhest Du auch“  noch einen kleinen Turn am Ende – da haben mich jetzt schon ein paar Leute gefragt, ob ich da einen zweiten Teil schreiben würde. Da könnte ich’s mir fast sogar vorstellen, aber bisher hab ich das noch nicht gemacht.

Stecken in deinen Büchern auch vielmals eigene Erfahrungen?
Mal mehr, mal weniger. Bei meinem neuen Buch jetzt nicht so, das ist eigentlich alles ausgedacht.

Bei dem davor ging es um das Thema Zwangserkrankung und das hatte ich auch mal. Ansonsten ist die Geschichte ganz ausgedacht – weder habe ich jemanden umgebracht, noch saß ich in der forensischen Psychiatrie ein, aber ich hatte mit dieser Krankheit eben zu tun. Das war damals so ein bisschen der Anstoß, dass ich das so spannend fand, dass ich dachte, da muss ich mal was drüber schreiben.

Klar, das Buch spielt zum Beispiel auch komplett in diesem Viertel hier, in Hoheluft, das davor auch – das liegt daran, dass ich mich hier auskenne und meine Geschichten überall spielen könnten. Die können in Köln spielen oder in Berlin oder so, das ist egal – also, warum soll ich das woanders hin verlegen, ist ja Quatsch. Ich glaube, dass jeder Autor so hier und da Anleihen von sich macht.

Hilft das Schreiben dabei, gewisse Themen zu verarbeiten?
Ich habe das Buch davor, als es um die Zwangserkankung ging, geschrieben, als ich gerade geheilt war und das überwunden hatte und das war für mich schon so ein Abschluss. Also ich wusste, was diese Krankheit bedeutet und was sie mit einem machen kann, dass das schon ganz schön hart ist. Und nachdem es mir wieder gut ging dachte ich „du musst da was drüber schreiben“.

Nicht nur, weil’s eine spannende Geschichte ist, sondern auch, weil es mir ein Bedürfnis war, diese Krankheit bekannter zu machen, weil sie relativ häufig ist, aber von den meisten Betroffenen tot geschwiegen wird. Das war hoch gegriffen vielleicht für mich so ein bisschen der Abschluss dieser Phase.

Mit Anne Hertz haben wir bisher 9 Bücher geschrieben, „Bald ruhest Du auch“ ist jetzt das achte. Und so spannend ist mein Leben nicht, dass ich da immer aus meinen eigenen Erfahrungen schöpfen könnte. Das hatte sich jetzt bei dem Buch davor einfach ergeben, weil das Thema auch spannend war.

Aber ich fange schon immer bei mir selbst an – irgendwas, was mich nicht emotional berührt, da könnte ich nicht drüber schreiben. Ich könnte schon darüber schreiben, aber ich glaube, es würde wahnsinnig langweilig werden. Aber z.B. diese Angst, die sie um ihr Kind hat, da kann sich jeder rein denken, dafür muss man kein Kind haben.

Aber ich glaube schon, dass man über Dinge schreiben sollte, die einen emotional beschäftigen oder die man emotional an sich ranlassen kann.

Was macht für Dich ein gutes Buch aus, wenn Du selber liest? Was für Bücher liest Du gerne?
Ich lese eigentlich alles querbeet. Was für mich ein gutes Buch ausmacht, ist eine gute Geschichte. Ich muss merken, da hat sich jemand hin gesetzt und hat wirklich eine richtig gute Geschichte entwickelt; da greift eins ins andere, es gibt keine losen Enden; ich kann nachvollziehen, wie die Charaktere handeln, die Figuren sind überzeugend – da kann ich mitgehen. Das macht für mich ein gutes Buch aus, dass ich es am Ende weg lege und denke „Wow, da hat aber jemand wirklich echt an der Geschichte gearbeitet“.

Ich finde, das trifft leider nicht auf jedes Buch zu. Es gibt auch Bücher, wo man denkt „oh, da hat man jetzt aber irgendwie versucht, es zu einem Ende zu bringen“. Aber ich mag auch gerne überrascht werden – das ist auch beim Thriller so wichtig.

Dass man, wenn man schreibt, einerseits genug Hinweise gibt, die dem Leser rückblickend, wenn er auf der letzten Seite angelangt ist, dann klar werden. Aber nicht zu viel, dass der Leser schon die ganze Zeit weiß „jaja, klar, ich weiß, wie das läuft und der war’s“.

Das, finde ich, ist sehr, sehr schwierig. Das ist echt das Schwierigste an der Arbeit – die Leser zu überraschen und Haken zu schlagen.Das macht einen guten Krimi aus oder einen guten Thriller – einfach diese Spannung, dass man bis zum Ende denkt „Was denn nun?!“.

Hast du Lieblingsschriftsteller?
Nein, ich lese so viel. Also ich habe gerade den neuen Thriller, das ist ein Debüt, von Melanie Raabe – „Die Falle“  gelesen – tolles Buch. Also wirklich, Wahnsinns-Buch.

Eines meiner wahrscheinlich für alle Zeiten Lieblingsbücher wird bleiben von Kazuo Ishiguru „Alles, was wir geben mussten“, das ist auch verfilmt worden. Der Film ist mit Keira Knightley, der Film ist mehr so „geht so“, das Buch ist Wahnsinn!

Und ich liebe sehr, bis heute, die Kinder- und Jugendbücher. Von Ottfried Preußler „Krabat“. Ich glaube, schon ich habe eher einen Hang bei dem, was ich selber lese, so ein bisschen düster – Krabat ist ja doch eher ein düsteres Buch, so ein bisschen melancholisch-bittersweet. Wahrscheinlich, weil ich selbst so eine rheinische Frohnatur bin, da brauche ich das als Ausgleich.

Was sind deine Lieblingsorte in Hamburg?
Ich finde im Sommer die Strandperle wunderbar, da bin ich echt gerne. Ich mag die Atmosphäre. Ich finde Planten und Blomen jetzt speziell seit ich eine kleine Tochter habe sehr, sehr schön.

Es ist jetzt nicht typisch Hamburgisch, aber ich gehe sehr gerne in den Wilden Kaiser, das ist ein österreichisches Restaurant, essen. Ich mag total gerne Schmankerl und Hausmannskost. Mit so einem schönen Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln, da bin ich vorne mit dabei.

Ich finde den Isemarkt hier dienstags und freitags toll, generell dieses Viertel hier, Hoheluft. In diesem Viertel bin ich schon echt lang, seit über 10 Jahren und das finde ich super. Man taumelt einmal da vorne zur U-Bahn Hoheluftbrücke und ist sofort überall. Ich fühle mich hier sehr wohl. Hamburg ist so eine schöne Stadt – ich möchte nicht woanders leben.

Deborah Plachetka

Fotos: pressebild.de / Iris Terzka

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