Seit sechs Jahren verzaubert Katerina Tretyakova das Publikum der Staatsoper Hamburg. Demnächst als Susanna in Mozarts „Le Nozze di Figaro“ – ihr letzter Auftritt als festes Ensemblemitglied. In HAMBURG WOMAN verrät die preisgekrönte Sopranistin warum sie die Oper verlässt, obwohl alles perfekt läuft. 

Das Bild der klassischen Opernsängerin wird für die meisten Menschen sicherlich von Montserrat Caballé geprägt. Wuchtig und divenhaft, so ist es zumindest bei mir. Deswegen war ich extrem gespannt, Katerina Tretyakova in einem Café in Eimsbüttel zu treffen. Ich hatte mir zuvor einige Auftritte des lyrischen Soprans im Internet angeschaut und gesehen, dass die 35-Jährige zumindest schon mal ganz anders aussieht: hübsch, blond und schlank.

Foto: dietmar scholz

Foto: dietmar scholz

Im „Café Délice“ sitzt mir dann eine lebhaft-quirlige und perfekt gestylte junge Frau mit unprätentiösem Habitus gegenüber, die sofort sympathisch losplaudert und dabei – das merkt man in jeder Sekunde – für die Oper brennt. Obwohl sie ihren Job als „ganz normalen“ Beruf ansieht. „Ich habe Respekt vor allen anstrengenden Arbeiten und fühle mich nicht als etwas Besonderes, sondern gesegnet und glücklich, dass ich das machen darf, was eigentlich mein Hobby wäre. Dafür bekomme ich auch noch Geld und kann davon leben“, sagt Katerina lächelnd. Sie habe zwar schon früh gewusst, dass sie Sängerin werden wolle, dachte aber anfangs nie an Oper. Schon als Kind hat sie beim Abwaschen zusammen mit ihrem Vater gesungen. Später dann alleine im Wald. „Ich hatte einen Fox-Terrier, der musste oft raus. Ich war deswegen häufig im Wald spazieren und haben dort gesungen – Popsongs und russische Romanzen. Das waren besonders schöne Momente.“ Da passte es gut ihn ihren Lebenslauf, dass die Familie ihren Geburtsort Murmansk früh verließ, weil die Mutter mit dem Klima nicht so gut klar kam. Es verschlug sie nach Visaginas in Litauen, weil der Vater dort Arbeit fand. Mit 15 entschied sich Katerina dann endgültig für eine musikalische Laufbahn und ging, mutig in dem Alter, an das  Konservatorium in Vilnius, um dort ein Musik- und Dirigierstudium zu beginnen. Sie beendete es im Jahre 2000 mit Auszeichnung. Über die Stationen Litauische Akademie für Musik und Theater sowie das Mozarteum in Salzburg landete sie in Hamburg. „Nach der Ausbildung habe ich in München und Hamburg erfolgreich vorgesungen. Weil ich von Kollegen Gutes über die Oper hier gehört habe und sie sich auch am professionellsten gezeigt hat, habe ich mich für den Norden entschieden.“

Es folgten zwei Jahre am Opernstudio, in denen sie aber schon im großen Haus auftreten konnte. Ihr Fleiß und die Mühen – „Ich hätte nie gedacht, dass die Ausbildung so anstrengend wird“ – haben sich gelohnt. Die Russin hat mehre internationale Preise gewonnen. Im Januar 2013 etwa den Fransisco Vinas Wettbewerb in Barcelona, der zu den wichtigsten der Welt zählt. Mit der katalanischen Stadt hängt aber auch eine für Opernfans schlechte Nachricht zusammen: der Auftritt als Susanna ist der letzte als festes Ensemblemitglied. „Ich plane in der Zukunft nach Barcelona zu ziehen“, erklärt die Sopranistin mit einem weinenden und einem lächelnden Auge. Weinend, weil ihr Hamburg als Stadt und wegen der Menschen so an Herz gewachsen ist. „Vor allem auch die Oper in der ich mit vielen Stars gemeinsam auftreten durfte.“ Lächelnd, weil sie dann ihrem Herzen folgt. Obwohl sie nie einen Musiker als Lebenspartner haben wollte, hat sich Katerina im Rahmen eines Wettbewerbes in Barcelona in den spanischen Pianisten und Dirigenten Ricardo Estrada verliebt. Seit zweieinhalb Jahren sind sie ein Paar. „Ich freue mich vor allem auch auf das warme Wetter, ich brauche Sonne zum Leben“, sagt sie lächelnd. Dafür nimmt die 35-Jährige dann das Risiko der Selbstständigkeit in Kauf. „Es ist schon praktisch fest engagiert zu sein. Vor allem, wenn es ein so gutes und renommiertes Opernhaus wie in Hamburg ist. Aber andererseits wollte ich auch die Freiheit haben, nur noch Partien zu wählen, die mir wirklich gefallen.“ Und sie hat dann auch Zeit für eine zweite Leidenschaft, die sie gerade entdeckt: Unterricht. „Ich habe kürzlich eine Masterclass gegeben. Es hat Spaß gemacht, Menschen auf ihrem musikalischen Weg zu unterstützen und alle waren zufrieden. Ich sehe mich nicht als Professorin an einer Uni, aber privat Stunden zu geben, kann ich mir sehr gut vorstellen.“ Jetzt kommt aber erst einmal ihre Abschiedsvorstellung. „Ich freue mich auf meine Rolle als Susanna, eine der längsten für einen lyrischen Sopran. Vor allem auch, weil das Stück so modern und witzig interpretiert ist“, sagt Katerina Tretyakova, die noch eine gute Nachricht für Hamburgs Opernfans hat: im Mai 2017 kehrt sie für vier Aufführungen von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ an die Staatsoper zurück.

Beitragsbild: Publikumsliebling Katerina Tretyakova als Kammerzofe Susanna in „Le Nozze de Figaro“ mit dem Figaro alias Wilhelm Schwinghammer.
© Karl Forster
Text: Kai Wehl

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