Das Theater Lübeck zeigt gerade ein Werk, das aus feministischer Perspektive zu den spannendsten Opern des 20. Jahrhunderts gehört. Wir waren dort und zeigen an Franz Schrekers „Der ferne Klang“ exemplarisch auf, wie sich der Wandel eines gesellschaftlichen Diskurses entlang der Umdeutung einer Frauenfigur nachvollziehen lässt.

Es soll hier um zwei Komponisten gehen, die beide ihre Operntexte selbst geschrieben haben: Den sehr bekannten Richard Wagner (1813-1883) und den beinahe vergessenen Franz Schreker (1878-1934).

Wagner und sein Schaffen werden heute meist dem konservativen bis nationalen Kulturerbe Deutschlands zugeordnet. Ein liberales Frauenbild wird in seinem Musiktheater entsprechend kaum jemand erwarten. In seinem theoretischem Hauptwerk Oper und Drama gibt Wagner indessen als Beispiel für das tragische Subjekt, das so unbedingt zu den eigenen Überzeugungen steht, dass es für diese im Extremfall mit dem eigenen Leben einsteht, eine Frauenfigur: Antigone.

In Wagners Oper Tannhäuser (1845), auf die sich Schreker später bezieht, ist der titelgebende Protagonist zwischen zwei Frauen hin und her gerissen. Seine Entscheidung zwischen der Liebesgöttin Venus und Elisabeth von Thüringen ist eine zwischen Heidentum und Christentum.

Zentral für Schreker ist der zweite Akt des Tannhäuser, in dem ein Sängerwettstreit veranstaltet wird. Die Teilnehmer sollen in ihren Beiträgen das Wesen der Liebe ergründen. Und der Gewinner, so legt es der Landgraf von Thüringen fest, darf von Elisabeth jeden Preis einfordern. Der Streit, der hier schon bald zwischen den Beteiligten entsteht, entzündet sich an der Frage, ob die Liebe sinnlichen Genuss meint oder entlang des strengen christlichen Tugendkodex zu leben sei.

Auffällig ist, dass Elisabeth Tannhäusers Plädoyer für die sinnliche Erfüllung zunächst zustimmen will, sich jedoch wegen der scharfen Reaktion der Anwesenden zurückhält. Nachdem er aus dem Kreis um den Landgraf von Thüringen verbannt wurde und auch vom Papst keine Gnade erfuhr, wird er durch Elisabeths freiwillige Selbstaufopferung schließlich doch erlöst.

Diese Wagner-Oper war, wie alle seine Bühnenwerke ab Der fliegende Holländer, enorm einflussreich. Bis in das 20. Jahrhundert hinein blieb Wagners Schaffen im deutschen Musiktheater der Bezugspunkt schlechthin. Als der noch junge Komponist Franz Schreker die Arbeit an seiner ersten großen Oper Der ferne Klang (1912) aufnahm, hatte es seit Wagners Reformen in der Gattung kaum Neuerungen gegeben.

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Die Trink- und Spielsucht des Vaters münden in eine Zwangsverheiratung Gretes. Und das ganze Dorf macht mit.

Weil die Gesellschaft inzwischen völlig andere Themen bewegten, war eine Emanzipation überfällig. Diese ist bei Schreker auf der Handlungsebene vor allem eine Transformation. Zu Beginn des Fernen Klang verabschiedet sich der junge Komponist Fritz von seiner Geliebten Greta, die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammt. Er will in die Welt hinaus und dort den „Fernen Klang“ finden: Ein Moment der totalen Inspiration, durch das er zum großen Künstler reift. Doch kaum hat Fritz sie verlassen, kommt der Vater nach Hause und Greta wird eröffnet, dass er sie beim Kegelspiel als Gewinn eingesetzt und verloren hat und sie den Wirt heiraten soll. Sie willigt zum Schein ein und versucht Fritz zu folgen, kann ihn jedoch nicht mehr finden. Schließlich wird die verzweifelte Greta von einer Kupplerin auf einer Waldlichtung aufgegriffen. Ein naturalistisches Drama in Miniatur.

Im zweiten Akt begegnen wir Greta wieder – nun ist sie die begehrteste Kurtisane in einem Tanzetablissement. Weil sie sich hier sehr langweilt, verfällt sie auf die Idee einen Sängerwettstreit zu veranstalten und verspricht sich dem Sieger für die Nacht. Nach zwei Gesangsbeiträgen kommt gänzlich unerwartet Fritz dazu und erzählt nach ihrem Wiedererkennen, wie es ihm seit der Trennung ergangen ist. Als Greta ihm für diesen Bericht den Sieg zuerkennen will, begreift er erst, wo er ist, was aus ihr geworden ist und stößt sie angewidert von sich.

Gemessen an einem streng christlichen Weltbild hat Schreker die Rahmenbedingungen und die Frauenfigur ins Negative gespiegelt. Die von Fritz an Greta durchgeführten gesellschaftlichen Sanktionen zeigen indessen die Blindheit des Tugendkanons. Damit ist Wagners Katholizismus eine klare Absage erteilt.

Weil Fritz zudem bis zum Ende der Oper seinen „Fernen Klang“ nicht finden kann, bleibt er ein gescheiterter Künstler. Auch seine Versöhnung mit Greta am Ende des dritten Aktes bringt kein dauerhaftes Glück, weil er bei ihrem Wiedersehen schwer erkrankt ist und bereits im Sterben liegt. Die selige Wiedervereinigung im Tod, wie bei Wagners Tristan und Isolde (1865), gelingt hier nicht: Greta bleibt im perspektivlosen Elend zurück, Wagner wird also das Leid der unteren sozialen Schichten entgegengestellt.

Schrekers sehr pessimistisches Werk wendet sich insofern auch gegen die Kunstreligion des 19. Jahrhunderts, das Kunstgenuss als vorübergehende Erlösung vom Leid des Lebens feierte. Während Wagner einer der wichtigsten Vertreter dieser Strömung war, zeigt Schreker nun, dass die Kunst, gemäß dem Weltbild seiner Gegenwart, sozialer Not nicht abhelfen kann.

Wie diese Beispiele zeigen, ist das Erbe des 19. Jahrhunderts in der Oper omnipräsent, wird aber aus dem Zeitgeist des 20. Jahrhunderts heraus umgeschrieben.

Der ferne Klang ist ein in mancher Hinsicht schwer zu realisierendes und leider viel zu selten gespieltes Werk, das derzeit in einer durchweg gelungenen Produktion am Theater Lübeck zu sehen ist. Die beiden anspruchsvollen Hauptpartien sind mit Cornelia Ptassek und Zoltán Nyári gut besetzt, das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter der Leitung von Andreas Wolf spielte präzise und intensiv und die Inszenierung ist inklusive einiger Umdeutungen des Schreker-Werkes bestens nachvollziehbar. Wir können den Besuch einer Vorstellung wärmstens empfehlen!

Text: Wolfgang Wagner

Fotos: Steffen Gottschling

Veranstaltungstipps:

Franz Schreker Der ferne Klang, Theater Lübeck, Beckergrube 16, 23552 Lübeck. Vorstellungen bis 15.4.2018. Karten: 14-51 € unter theaterlübeck.de

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