Die Schauspielerin, Sängerin und Autorin Vernesa Berbo (48) kommt aus ex Jugoslawien und kam 1992 als Kriegsflüchtling nach Berlin. Sie spielt am Gorki Theater und ist auch am Thalia Theater zu sehen.Dort wirkte sie 2015 in „Srebrenica“ mit. Das „Krass Kultur Crash Festival 2017“ findet vom 20.-30.4. auf Kampnagel statt. Die Performance mit Vernesa Berbo wird vom 20.-22.4. jeweils um 20 Uhr aufgeführt. Karten: 15 /erm. 9 € unter kampnagel.de

 

Alster Magazin: Du zeigst eine sehr persönliche Performance. Beruht das Projekt auf deinem eigenen Vorschlag?

Vernesa Berbo: Der Regisseur Branko Šimić und ich arbeiten schon sehr lange zusammen. Wir haben beide in Sarajevo studiert. Wir hatten schon länger überlegt etwas über Gewalterfahrungen von Frauen zu machen. Branko wusste, was mir passiert war. Vor zwei, drei Monaten hat er mir vorgeschlagen ein Stück darüber zu erarbeiten.

Die Performance „Portrait explosiv“ findet im Rahmen des Krass Kultur Crash Festival statt. Inwiefern war der Übegriff ein Kultur Crash?

Ich komme ja selbst aus einer anderen Kultur und lebe seit 25 Jahren in Berlin. Durch meine Kriegserfahrungen habe ich über meine deutsche Identität hinaus eine zusätzliche, starke Prägung. Was mir passiert ist, hätte dort aber auch jedem anderen passieren können. Dass der Täter aus einem anderen Kulturkreis stammt, ist meiner Meinung nach aber nicht so entscheidend. Denn auch hier in Deutschland entwickeln sich manche Menschen so, dass sie, aus welchen Gründen auch immer, eine Gewaltbereitschaft entwickeln.

Das klingt, als würdest du den Vorfall sehr differenziert einschätzen. Schließt du eine eindeutige Beurteilung aus?

Einerseits ist die Bewertung eines Übergriffes sehr schwer, denn jede Geschichte ist anders. Andererseits ist es aber auch ganz einfach. Ich biete an, meine persönliche Haltung zu diesem Übergriff nachzuvollziehen, kann den Leuten aber natürlich nicht vorschreiben, wie sie den Vorgang wahrzunehmen und zu beurteilen haben. Das wäre auch eine Form von Gewalt.

Bei der Berichterstattung über Gewalt an Frauen beobachte ich eine starke Tendenz zur Hysterie. Bei dieser Produktion sah ich die großartige Chance, selbst zu vermitteln, wie ich den Vorfall wahrgenommen habe. Auf diese Weise kann ich verhindern, dass der Vorfall zu einer Zahl in einer Statistik wird, die die konkrete, individuelle Bedeutung der Erfahrung, die ich hatte, nicht abbildet.

Was ist denn das zentrale Moment an deiner Beurteilung des Übergriffs?Vernesa Berbo Band

Ich habe einen Weg gefunden habe, dem Täter zu verzeihen. Das war für mich der einzige Weg, um mich selbst zu beschützen. Denn es ist schlimm, gegenüber anderen Menschen Hass zu fühlen – Hass macht dich schwach und verletzlich, weil man da nicht mehr herausfindet und misstrauisch gegenüber allen Menschen wird. Und das isoliert. Dann lebt man nicht mehr, sondern überlebt nur noch.

Das sind wirklich starke Worte! Um mit einer so tief von Empathie geprägten Haltung durch das Leben zu gehen, braucht man viel Kraft, weil das nur geht, wenn man sich auch selbst permanent hinterfragt. Woher nimmst du diese Kraft? Hat das etwas mit deiner Religion zu tun?

Ich bin Atheist. Es ist meine Lebenserfahrung, die mich das gelehrt hat. Ich weiß, dass es mich weniger Kraft kostet positiv zu sein. Im Gegenteil ist es der Hassen, der anstrengend ist und Kraft kostet. Wenn man es gewohnt ist, reflektiert und selbstkritisch zu leben, dann ist das auch nicht anstrengend. Und das hilft im Zusammenleben mit Freunden, Familie und dem Partner Konflikte zu vermeiden.

Das klingt sehr einleuchtend und erstrebenswert.

Hat es dich denn viel Selbstüberwindung gekostet den Übergriff zu reinszenieren?

Es war mir möglich das zu machen, weil ich mit Branko Šimić die nötige Vertrauensbasis habe und er die Art und Weise schätzt, wie ich Geschichten erzähle. Es ging insgesamt aber weniger um Selbstüberwindung, als um die Möglichkeit einen Weg aus der Sprachlosigkeit zu finden. Das hat nicht bewusst stattgefunden. Ich habe das geschafft, weil ich zum Glück viele Menschen habe, mit denen ich schon vorher darüber sprechen konnte. Und das wiederholte Erzählen war für mich eine Form der Selbsttherapie.

Die Performance wird den Spieß auch umdrehen. Wie kann der Täter zum Opfer werden?

Es wird keinen bestimmten Punkt in der Handlung geben, an dem das vermittelt wird. Dass ich diese Umkehrung vermittle, werden manche früher, manche später spüren, manche vielleicht gar nicht. Es wird für jeden Zuschauer und jede Zuschauerin ein eigenes Erlebnis werden, weil jeder eine eigene Wahrnehmung, eigene Erfahrungen und deshalb eigene Beurteilungsmuster hat.

Welche Ratschläge zur Bewältigung hast du für andere Opfer von körperlichen Übergriffen?

Es gibt eigentlich nichts Allgemeines, was man raten könnte. Außer, dass man sich um sich selbst kümmern soll. Dass man sich lieben und sich Gutes tun soll. Dass man nie aufhören soll, sich zu lieben. Denn jeder Mensch ist wertvoll. Wer das Selbstwertgefühl verliert, wird zu einem Nichts. Das muss man so schnell wie möglich überwinden. Es ist außerdem ratsam und wichtig, ein solches Erlebnis den Menschen, die man liebt, mitzuteilen. Denn das Einzige, was dich heilen kann, ist ein anderer Mensch. Man muss wieder entdecken, dass man Menschen vertrauen und sich ihnen öffnen kann.

Kannst du so etwas wie ein Fazit aus deinem Umgang mit dem Übergriff formulieren?

Ich finde: Gewalt auszuüben ist furchtbar einfach. Aber es ist eine großartige Sache, dass Menschen zwar die Wahl haben, gewalttätig zu sein, sich aber meistens dagegen entscheiden. Denn solche Übergriffe, wie ich einen erlebt habe, passieren ziemlich selten. Sonst würde die Menschheit wohl gar nicht mehr existieren. Ein guter Grund, um den Menschen positiv zu begegnen.

Text: Wolfgang Wagner

Foto: Esra Rotthoff

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