Klassik mal anders – der aus Australien stammende Tenor Trevor Pichanick hat die Konzertreihe TABU initiiert, für die er sich ungewöhnliche Locations sucht. Das dritte Konzert „Heldin“ findet am 10. und 12. Mai im Hamburger Gericht statt. Karten gibt es auf seiner Homepage www.trevorpichanick.com. Wir sprachen mit ihm vorab über weibliches Heldentum, Klassik-Klischees und Konzert-Formate in der Gegenwart.

HAMBURG WOMAN: Das Konzert „Heldin“ findet im Hamburger Gericht statt – dem Ort für Gerechtigkeit. Kämpft die Heldin für Gerechtigkeit?

Trevor Pichanick: Ja, aber nicht so, wie man es vielleicht erwartet. Die erste Inspiration für dieses Konzert kam aus der Geschichte Judith und Holofernes. Judith, eine Witwe, verkleidet sich als eine Prostituierte und verführt den Tyrann Holofernes. Kurz darauf stand sie vor dem Stadttor, den abgehakten Kopf Holofernes’ in der Hand und wurde als Heldin ihres Volkes gefeiert.  Heute, in Deutschland, wäre das anders gelaufen – deswegen findet sie sich nun im Gericht wieder, wo sie andere „Heldinnen“ trifft und sich mit Gerechtigkeit und Heldentum auseinandersetzt.

Warum haben Sie keinen klassischen Konzertsaal gewählt? Die Laeiszhalle ist gleich gegenüber.

Weil die Laeiszhalle nicht zum Thema passt. Bei meinen Konzerten ist es mir wichtig, dass eine Botschaft vermittelt wird, die von allen Seiten stimmig ist und, soweit wie möglich, das Publikum in eine andere Welt transportiert.

Klassische Musik gehört nicht nur den Konzertsälen und Theatern – Orte, die oft falsche Erwartungen wecken. Bei uns darf man klatschen wann man will, tragen was man will und Musik erfahren, so wie es gefällt. Es ist zwar noch nicht passiert, aber einschlafen wäre auch kein Problem!

Die Figuren in den Operntexten der Händel-Zeit sind stereotyp angelegt. Wie passt das mit individuellem Heldinnentum zusammen?

In jedem Stereotyp steckt eine Wahrheit – eine Menschlichkeit. Für mich sind HeldInnen einfach Menschen – Supermenschen vielleicht, die etwas besonders menschlich geleistet haben. So gesehen steckt Heldentum in uns allen und darum können wir uns mit diesen Figuren identifizieren.

Macht die Musik von Händel oder Vivaldi die Frauen-Figuren lebendiger als der Text das kann?

Absolut! So war es auch zu ihrer Zeit. Im Gegenteil zum Frühbarock, war die Musik viel wichtiger als der Text und an ihre Fähigkeit, Emotion zu vermitteln wurde fest geglaubt. Eine Grundemotion oder ein Affekt wurde einem Stück zugeordnet und vor allem musikalisch dargestellt.

Die Musik Händels und Vivaldis ist nichts, wenn nicht lebendig, und das ensemble c4 spielt sie auch genau so – roh, kräftig, frisch. Es ist ein großer Spaß mit ihnen zu singen!

Der Klassik-Star Phillippe Jaroussky hat zu Beginn seiner Karriere ein Album über die Helden der Barockzeit vorgelegt. Ist es Zeit, dass wir uns mehr mit den Heldinnen beschäftigen?

Definitiv. Und nicht nur mit den Heldinnen der Mythologie oder Antike, so wie in der Barockzeit, sondern mit echten Frauengeschichten. Ich habe die Hamburgerinnen im Projekt ermutigt, Frauen auszuwählen, auf die sie Aufmerksamkeit lenken wollen und deren Geschichten erzählt werden müssen. Gleichstellung kann auch rückwirkend sein.

Unterscheidet sich männliches und weibliches Heldentum? Und wenn ja, auch welche Weise?

Für mich liegt der Stoff des Heldentums in der Menschlichkeit, also nein. Aber Frauen und Männer haben historisch gesehen unterschiedliche Rollen angenommen und wir drücken unsere Menschlichkeit auch schon einmal unterschiedlich aus.

Viele Leute glauben, dass klassische Musik elitär ist. Was würden Sie diesen Leuten gerne sagen?

Probier es aus. Und wenn es nicht Deins ist, probier es nochmal aus. Auch im Mainstream-Bereich gefallen manche Künstler und manche Genres sofort und anderes gar nicht.  Oft braucht man nur einen Eingang in die klassische Musik – ein Thema, einen Ort, eine andere Kunstform.  Diese Idee liegt auch der Philosophie meiner Konzertreihe zugrunde. Dass klassische Musik den Eliten gehört ist einfach falsch – da müssen wir dringend aufklären.

Braucht klassische Musik einen solchen Bruch mit dem Kontext, um Aufmerksamkeit durch den Mainstream zu bekommen?

Ja, welche Rolle spielt Livemusik noch im Zeitalter von YouTube und Spotify in unserer Gesellschaft? Wir müssen Musikerlebnisse neu erfinden – nicht unbedingt die Musik selbst, ihre Kraft bleibt zeitlos, sondern der Zugang und unsere Interaktion mit klassischer Musik.

Wenn ich mit jemandem rede, können meine Worte sehr deutlich sein, aber es ist der Kontext – Körper, Stimme, Gestik, der bestimmt, ob und wie meine Botschaft ankommt.

Worin besteht das TABU im dritten Konzert der Reihe? Ist es ein Tabu, dass eine Frau Held ist?

Heutzutage hoffentlich nicht! Die Heldinnen selbst sind die Tabubrecher. Eine Frau, die ihren Körper als Waffe nutzt; eine, die einen Politiker öffentlich ohrfeigt; eine, die dem Patriarchat unnachgiebig Widerstand leistet…

Mit welchen TABU-Brüchen möchten Sie Ihr Publikum noch überraschen?

Als Tenor, Arien zu singen, die ursprünglich für Kastrat oder Sopran geschrieben wurden, ist so etwas wie ein Tabubruch. Für mich (und in Händels Zeit) ist es selbstverständlich – wenn es zu meiner Stimme passt und ich kann mit dem Stück etwas kommunizieren, soll die Tradition hinterfragt werden – und das meine ich auch generell. Leider gibt es in unserer Gesellschaft noch Gebiete, wo selbst das Hinterfragen tabu ist.

Welche Hamburger Frauen werden über ihre Heldinnen sprechen? Menschen als Privatpersonen oder Frauen aus Kultur und Politik?

Sowohl als auch, hoffe ich. Sie sind Geschäftsführerinnen, Journalistinnen, Wissenschaftlerinnen, Krimi-Autorinnen, Regisseurinnen… aber viel wichtiger ist doch, sie sprechen als Menschen – als Frauen, als Mütter, als Töchter, als Hamburgerinnen.

Brauchen wir Vorbilder, beziehungsweise Heldinnen? Welche Funktion übernehmen sie in der Selbstfindung?

Ich meine Ja. Auf Englisch sagen wir „seeing is believing“. Wir müssen die Angela Merkels, die Michelle Obamas, die Beyoncés, die alleinerziehenden Mütter, die Krebsüberlebenden sehen, damit wir glauben können, dass so etwas auch für uns möglich ist. Die Frauengeschichten müssen erzählt werden, damit wir in ihrer Menschlichkeit uns selber wiederfinden, mit einander identifizieren können und dadurch als eine Gesellschaft zusammenkommen. Das ist übrigens auch die Rolle der Musik, meiner Meinung nach.

Wir bedanken uns für das interessante Gespräch. Viel Erfolg für Ihre Konzertreihe und im Besonderen natürlich für „Heldin“.

Text: Wolfgang Wagner

Foto: Michael Suhl

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