Annemarie Dose: 20 Jahre im Dauereinsatz!

Eine der bekanntesten Institutionen der Stadt feiert Geburtstag: die Hamburger Tafel. 1994 von der Volksdorferin Annemarie Dose gegründet, die sich als Ehrenvorsitzende immer noch um „ihr Baby“ kümmert!

Für ihr ehrenamtliches soziales Engagement erhielt Annemarie Dose (86) gleich mehrere Auszeichnungen. Höhepunkt: das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse im Jahre 2009!

Für ihr ehrenamtliches soziales Engagement erhielt Annemarie Dose (86) gleich mehrere Auszeichnungen. Höhepunkt: das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse im Jahre 2009!  Foto: Kai Wehl

HAMBURG WOMAN: Soll ich Sie zu 20 Jahren Hamburger Tafel beglückwünschen oder bedauern, denn hätten Sie bei Gründung gedacht, dass die Tafel eine „Langzeiteinrichtung“ wird?
Annemarie Dose: Beglückwünschen, gerne, bedauern, nein. Wenn man anfängt, denkt man nicht an später. Heißt es nicht „Der Weg ist das Ziel“?

Grundidee war einst, Obdachlose zu unterstützen. Heute werden Lebensmittelüberschüsse an viele Gruppen verschenkt. Was für Menschen sind das, Familien, Rentner …?
Obdachlose zu versorgen war immer Hauptaufgabe am Anfang. Im Lauf der Jahre hat es sich dann ergeben, Kinder und Familien mit zu unterstützen. Diesbezüglich erreichen uns auch Anfragen von Institutionen wie Kirchen und Familieneinrichtungen – heute ein fester Bestandteil. Wir haben uns zusätzlich den Anforderungen der Zeit angepasst und bieten beispielsweise spezielle Kochkurse an. Jungen Müttern und Vätern wird beigebracht, mit wenig Geld gute und gesunde Mahlzeiten zu kochen. Die Nachfrage ist groß.

Was sagen Sie zu der Kritik, dass die Arbeit der Tafeln den Staat dazu veranlasst, weniger für die erforderliche Armutsbekämpfung zu unternehmen?
Sie ist nicht berechtigt. Es wird sehr viel Hilfe angeboten, doch eine Vollversorgung gibt es nirgends. Kann es nicht geben. Deswegen erweitern wir die Hilfsangebote und kümmern uns um Dinge, die weder der Markt noch die Politik regeln kann. Solange es Menschen gibt, gibt es Arm und Reich. So war es und so wird es bleiben. Auch der Staat wird sie leider nicht abschaffen können. Soll deswegen auf Hilfe verzichtet werden? Oder soll ich, um zu helfen, eine Eingabe bei der Stadt machen? Dort wird nicht schnell entschieden weil sich jeder absichern will. Das dauert viel zu lange. Schnelle Hilfe kommt aus dem Bauch heraus und muss spontan entschieden werden. Lassen wir die außen vor, es geht doch auch so! Und wir helfen zwar dem Staat, aber wir helfen uns auch selbst, denn der Staat sind wir.

Was sind die größten Schwierigkeiten bei Ihrer Arbeit?
Geld aufzutreiben! Wir haben zwar rund 120 ehrenamtliche Mitarbeiter, müssen aber natürlich auch Miete zahlen und haben Nebenkosten wie Versicherungen. Jeden Monat aufs Neue und das ohne staatliche Zuschüsse. Zum Glück zahlen viele Fördermitglieder einen monatlichen Betrag ab 2,50 Euro. Sonst ginge es gar nicht.

Noch mal zum Jubiläum: Sie „feiern“ die 20 Jahre mit einem „Luxusessen“, dass gleichzeitig eine Spendenwoche einleitet. Ist das nicht etwas fragwürdig für eine Institution, die Essen an Bedürftige ausgibt?
Es ist ja in dem Sinne keine Feier von uns, sondern wir wurden eingeladen. Die Veranstaltung fungiert als Anstoß, darüber nachzudenken, wie gut es uns geht. Genießen ist eine Kunst – „Essen ist ein Bedürfnis“, sagte schon Aristoteles. Gebe es nur Bohnensuppe, kaum jemand käme. Aber sechs Sterneköche machen neugierig. Es ist allen gedient. Sie können für sich werben, die Gäste genießen und wir profitieren. Ich bin glücklich, dass man sich für uns so viel Mühe macht. Der ECE und den weiteren Firmen meine Hochachtung und vielen Dank.

Sie haben vor zwei Jahren den Vorsitz abgegeben, sind aber immer noch als Ehrenvorsitzende aktiv und aktuell wieder in vermehrtem Einsatz. Warum tun Sie sich das in Ihrem Alter noch an? Sie könnten entspannt das schöne Alstertal genießen!
Dem Ehrenvorsitz hat man mir angeboten. Früher sagte man dazu „Frühstücksdirektor“, heute … „Springer“. (lacht) Loslassen ist nicht so einfach. Ich bin immer noch „unterwegs“ und halte Verbindungen oder suche neue. Ich suche neue Zulieferer, Sponsoren, vor allem Förderer zur Absicherung der Zukunft. Das Alstertal werde ich später genießen – ein Ziel muss man sich schließlich erhalten.

Wie sieht Ihr persönliches Fazit aus?
Es ist nach wie vor faszinierend, dass sich eine Sache so lange lebendig hält. Dass immer wieder die gleichen Leute mitmachen – die Bevölkerung ist nicht müde geworden uns zu helfen. Wenn ich Menschen um Dinge bitte, habe ich nie Absagen bekommen.

Das klingt nach einer tiefen Grundzufriedenheit!
Absolut. Das ist die Faszination, die mich immer weiter machen lässt. Obwohl wir jetzt mehr denn je in die Pflicht genommen werden. Für den Winter benötigen wir mehr Ware. Für den täglichen Bedarf der Menschen, Brot, Nudeln oder Wurst – die ganz einfachen Dinge, um im Winternotprogramm die Kalt-Verpflegung garantieren zu können. Wichtig sind auch Erbsen, Linsen oder Kartoffeln, damit die Suppen hergestellt werden können. Da müssen wir jetzt hinterher sein, um das aufzustocken. Ansonsten läuft es.

Was wünschen Sie der Tafel für die Zukunft, dass sie überflüssig wird?
Es ist Utopie zu glauben, dass wir aufhören, solange wir im Überfluss fast ersticken. Wenn unsere Welt zum Paradies für alle Menschen wird, löst sich das Problem von selbst.

Kai Wehl

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